Carlo

Traurig hockte Carlo in der Ecke des Zwingers, der jetzt sein neues Zuhause war. Er ließ die Ohren hängen und rührte weder Wasser noch Futter an, welches ihm Antonia, die freundliche Tierpflegerin, hingestellt hatte. Bis gestern noch lebte er in einem schönen Haus, tobte jeden Tag mit Leonie durch den Garten und genoss den Status eines vollwertigen Familienmitgliedes. Von einem Tag zum anderen jedoch hatte sich die Situation geändert, obwohl die ersten Anzeichen schon vor Wochen zu spüren waren. Die Eltern hatten sich jeden Tag gestritten und des Öfteren vergessen, ihn zu füttern. Nur Leonie, die Tochter, kümmerte sich immer rührend um ihn und teilte ihm ihren Kummer mit. Worte wie „Scheidung“ und „Hausverkauf“ waren gefallen, aber was konnte ein Hund schon mit diesen Begriffen anfangen? Jetzt saß er hier und wusste nicht, wie ihm geschah.

Antonia näherte sich dem Zwinger, aber der arme Hund hob nicht einmal den Kopf. Sie machte sich große Sorgen um ihn. Er war ein wunderschöner Kerl, ein Dalmatiner, der sechs Jahre lang ein gutes Zuhause hatte und nun ein Scheidungsopfer geworden war. Er tat ihr unendlich leid und sie wollte alles dafür tun, dass er wieder ein fröhlicher Hund werden und ein neues Heim bekommen würde. Jeden Tag machte Antonia lange Spaziergänge mit Carlo, brachte ihm die besten Leckerchen vorbei, aber er blieb traurig und blickte oft sehnsüchtig zum Eingangstor des Tierheims. Wahrscheinlich hoffte er, dass seine Familie ihn wieder abholen würde.

Die Adventszeit war angebrochen. Auch das Tierheim wurde geschmückt und die große Tanne am Eingang bekam eine schicke Lichterkette umgehangen. Immer wieder standen Menschen vor der Tür und wollten einen Hund oder eine Katze mitnehmen. Sie meinten es sicher gut, aber zur Weihnachtszeit wurden keine Tiere abgegeben. Oft landete das Tier als Geschenk unterm Weihnachtsbaum und einige Wochen später kam die Ernüchterung. Der Hund war doch noch nicht stubenrein, die Katze verwechselte die guten Möbel mit einem Kratzbaum.

Es war der Nachmittag des vierten Advents. Antonia war heute alleine für alle Bewohner des Tierheims zuständig. Es störte sie nicht, niemand wartete zuhause auf sie und die Tiere hier waren ihre Familie. Gerade hatte sie sich vorgenommen, noch einmal nach Carlo zu schauen, da klingelte es am Tor. Wer würde denn heute noch vorbeikommen?, dachte sie, ging zum Tor und erblickte eine junge Frau. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte Antonia und öffnete ihr das Tor. „Mein Name ist Mia. Ich weiß, dass Sie vor Weihnachten keine Tiere abgeben, aber ich habe vor zwei Wochen meinen treuen alten Hund einschläfern lassen müssen und jetzt sitze ich ganz allein daheim und fühle mich so einsam. Darf ich mich mal bei Ihnen umschauen?“ Antonia nickte und führte Mia zu den Hundezwingern.

Carlo hielt gerade ein Schläfchen, wachte aber auf, als er Antonias Stimme hörte. Aber da war noch jemand bei ihr, eine junge Frau. Langsam stand er auf und streckte sich. Die Stimme der Fremden war freundlich, aber es lag auch eine gewisse Traurigkeit darin. Die Frau schien genauso niedergeschlagen zu sein wie er. Mia lief den Gang entlang und schaute in die einzelnen Zwinger. Die meisten Hunde bellten laut, sprangen am Gitter auf und ab und versuchten mit allen Mitteln, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Bei dem ein oder anderen Hund blieb sie stehen und betrachtete ihn sich näher.

Schließlich kam sie an Carlos Zwinger. Carlo bellte nicht, er sprang auch nicht hoch, er saß einfach nur am Gitter und wedelte mit dem Schwanz. Mia schaute ihn freundlich an und hockte sich vor ihm hin. „Du bist ja ein Hübscher, wie heißt du denn?“ „Das ist Carlo. Seine Besitzer haben sich getrennt und da ist er bei uns gelandet. Ich sehe ihn zum ersten Mal mit dem Schwanz wedeln“, sagte Antonia. Mia blickte freudestrahlend zu ihr hoch und musste nichts mehr sagen. Antonia sah, dass sich hier die Richtigen gefunden hatten. Sie fasste sich ein Herz und sagte: „Sie können ihn gern sofort mitnehmen. Er braucht ein richtiges Zuhause und ich habe keinen Zweifel, dass Sie ihm das bieten können.“ Mia strahlte noch mehr, sprang auf und umarmte Antonia. „Danke, vielen Dank. Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich je bekommen habe.“

In Gedenken an Jule (1995 – 2009)

2002-11-20-13-15-31-nikolausjule-gorlitz

Wir wünschen allen Lesern und Leserinnen einen schönen 3. Advent.

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.