Ida und Jacob (Teil 3)

Leseratte Liesel_1

Es hat ein wenig gedauert, aber hier folgt nun Teil 3 der Geschichte um Ida und Jacob. Hier könnt ihr die ersten beiden Teile finden: Teil 1 und Teil 2.

Ida saß auf der Bank vorm Haus und besserte die abgetragene Kleidung ihrer jüngeren Geschwister aus. Die Sonne schien und der Duft nach frisch gemähtem Gras wehte durch das Dorf. Idas Gedanken waren wiederholt bei Jacob. In letzter Zeit passierte es oft, dass die Mutter ihr eine Kopfnuss verpasste, weil sie durch ihre Träumereien die Suppe anbrennen ließ oder die Hausarbeiten vernachlässigte. Das trübte ihre gute Laune jedoch nicht. Immer wieder ertappte sie sich dabei, dass sie eine Melodie vor sich hin summte.
»Soll ich dir helfen?«
Marie, Idas jüngere Schwester, setzte sich neben sie und schnappte sich eine Socke aus dem Korb. Wortlos reichte Ida ihr Nadel und Faden. Die Stirn in Falten gelegt und die Zunge zwischen die Zähne geschoben, versuchte die Kleine, das Garn ins Nadelöhr einzufädeln. Ida lächelte. Aller Anfang war schwer, aber bald würde sie eine fähige Helferin haben und konnte die Arbeit aufteilen. Schweigend verbrachten die beiden Schwestern die nächste Stunde mit den Ausbesserungsarbeiten, bis der Korb geleert war.
»Puh, endlich geschafft«, sagte Marie und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel. Die Mutter war heute zum Markt gegangen und es war Idas Aufgabe, für das Mittagessen zu sorgen. Viel würde es nicht zu essen geben. Die Ernte war nach einer wochenlangen Dürre mager ausgefallen.

»Sag mal, warum kommt uns Jacob nicht mal besuchen?«, fragte Marie, die in der Küche auf dem Boden saß und mit dem jüngsten Bruder Franz spielte. Seit Marie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, sprach sie ununterbrochen über ihren neuen Freund Jacob und erzählte jedem, dass Ida ihn vor dem Feuer gerettet hatte. Ida war dankbar, dass sich Marie von ihrer Lungenerkrankung erholt hatte, aber immer wenn ihre Schwester den Namen des jungen Mannes erwähnte, kribbelte es in ihrem Magen und das Herz hüpfte vor Aufregung. Ida hatte Jacob das letzte Mal vor einigen Wochen gesehen, als sie Marie gemeinsam mit ihrer Mutter aus dem Krankenhaus abholte. Vor ihrer Mutter hätte sich Ida nie getraut, mit ihm zu sprechen. So blieb es beim Blickkontakt. Jacobs Blick bohrte sich in ihr Gedächtnis und sie träumte nachts von ihm, wie er ihre Hand hielt und mit ihr durch den Park spazierte. Wie töricht! Als ob es jemals dazu kommen würde. Ihre Mutter hatte ihr strikt verboten, sich mit einem Jungen zu treffen. Also würde Jacob sie auch nicht besuchen dürfen. Wahrscheinlich hatte er sie auch schon längst vergessen. Er sah gut aus und hatte sicher jede Menge Mädchen um sich, die ihn anhimmelten. Was sollte er an ihr finden? Sie war nicht sonderlich gescheit, hatte kaum eine Schule von innen gesehen und taugte mehr schlecht als recht für die Haushaltsführung.

***

Ida ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Seit sein Bein soweit geheilt war, dass er wieder in der Lage war zu laufen, war er mehrere Stunden am Tag in der Gegend unterwegs, immer in der Hoffnung, ihr zu begegnen. Doch er traf sie nie. Ihre Mutter hatte er auf dem Markt gesehen, aber er wagte nicht, sie anzusprechen. Da war eine innere Stimme, die ihm sagte, dass es keine gute Idee wäre und er Ida damit in Schwierigkeiten bringen würde. So hoffte er weiter, sie allein zu treffen.
Heute wartete er wieder auf dem Markt auf sie. Er lungerte seit Stunden zwischen den Ständen herum. Einige der Händler hatten ihn bereits aus Angst vor Diebstahl mit derben Flüchen vertrieben. Wer konnte es ihnen verdenken. Die Menschen hungerten nach der katastrophalen Missernte.

Jacob entdeckte Idas Mutter am Eierstand, wo sie mit dem Verkäufer um einen niedrigeren Preis feilschte. Er näherte sich dem Stand. Idas Mutter flehte den Händler mittlerweile an, ihr einen besseren Preis für ein Dutzend Eier zu anzubieten, doch dieser gab nicht nach.
»Zwei Franken für die Eier, das ist doch nicht zu viel verlangt«, klagte der Händler und wendete sich an den Verkäufer vom Nachbarstand, der Gemüse verkaufte.
»Was meinst du? Bin ich etwa ein Halsabschneider?«
Der Gemüsehändler schüttelte den Kopf.
»Angebot und Nachfrage, werte Dame. So ist das heutzutage«, sagte er.
Idas Mutter liefen die Tränen über die Wangen. Sie wischte sie mit dem Ärmel ihrer Bluse weg.
»Dann nehme ich wenigstens sechs Eier«, gab sie nach. »Aber vielleicht können Sie mir sagen, wie ich meinen Kindern erklären soll, dass es schon wieder so wenig zu essen gibt.«
Der Eierhändler packte die Ware ein und reichte sie Idas Mutter.
»Wir sollten gottesfürchtiger sein, damit die Ernte nächstes Jahr besser ausfällt«, sagte er.
Idas Mutter schnappte nach Luft. Doch bevor sie etwas entgegnen konnte, was ihr hinterher leidtat, fasste Jacob ihren Arm und zog sie vom Stand weg.
»Kommen Sie, das bringt doch nichts«, sagte er.
»Was soll das, Junge? Hey, ich war noch nicht fertig mit dem Kerl.«
Doch Jacob ließ sich nicht beirren und zog sie weiter. Idas Mutter befreite sich mit einem Ruck aus seinem Griff und blieb stehen. Misstrauisch beäugte sie ihn.
»Sag mal, ich kenne dich doch. Bist du nicht der Junge aus dem Krankenhaus? Jacob?«
Jacob nickte und Idas Mutter lachte.
»Du glaubst ja gar nicht, wie viel Marie über dich erzählt hat. Sie hat einen richtigen Narren an dir gefressen.«
»Wie geht es ihr denn?«
»Komm doch mit. Dann kannst du meine Einkäufe tragen und sie selbst fragen.«
Idas Mutter reichte ihm den Korb und hakte sich bei ihm unter. Jacobs Herz schlug immer schneller. Würde er heute Ida sehen?

***

Ida scheuchte Marie durch die Küche. Die kleine Schwester hatte ihr geholfen, Kartoffeln zu schälen und Gemüse zu schneiden und es dabei geschafft, die Küchenabfälle überall auf dem Boden zu verteilen.
»Du bist doch kein Kleinkind mehr. Wie kannst du nur so eine Unordnung hinterlassen?«, schimpfte Ida und warf einen Lappen nach Marie.

Marie kicherte nur und rannte mit Franz im Schlepptau nach draußen. Ida fluchte. Unordnung verbreiten, das war etwas, dass ihre Geschwister wunderbar beherrschten und ihr blieb oft die Rolle, ihnen alles hinterherzuräumen. Sie hockte sich auf den Boden und sammelte die Kartoffelschalen ein.

»Schau mal, wen ich mitgebracht habe«, rief ihre Mutter.
Ida wäre am liebsten im Erdboden versunken, als sie den Besuch sah. Jacob! Hier und jetzt, während sie mit Schweißperlen auf der Stirn und halb aufgelöstem Zopf auf dem Boden hockte. Sie hatte sich das Wiedersehen anders vorgestellt, romantischer, aufregender, aber auf keinen Fall so. Sie wischte sich die Hände an der Küchenschürze ab und reichte Jacob die Hand.
»Hat es dir die Sprache verschlagen, Ida?«, fragte ihre Mutter und begann mit dem Ausräumen des Korbes.
Ida und Jacob standen sich noch immer gegenüber und schauten sich an. Peinliches Schweigen breitete sich im Raum aus, bis es Ida kaum noch aushielt.
»Wie geht es denn deinem Bein?«, fragte sie.
Jacob räusperte sich.
»Danke, es ist gut verheilt. Es werden Narben zurückbleiben, aber das macht nichts. Ich habe dir mein Leben zu verdanken, Ida.«
Ida spürte die Hitze in ihrem Gesicht aufsteigen.
»So, ihr Zwei, raus aus der Küche. Setzt euch doch draußen auf die Bank. Ich rufe euch dann zum Mittag. Du bleibst doch zum Essen, Jacob?«

***

Jacob saß neben Ida auf der Bank. Sein Herz schlug bis zum Hals und ihm fiel nicht ein gescheiter Satz ein. Aus den Augenwinkeln betrachtete er ihre gebräunten zarten Knöchel, die unter dem Kleid hervorlugten. Sie trug keine Schuhe und ihre Zehen gruben sich in den Boden. Nervös knetete sie ihre Finger. Jacob lächelte. Wenigstens schien es ihr genauso zu ergehen wie ihm.
»Wie geht es eigentlich deiner kleinen Schwester?«, fragte er, um die Stille zu durchbrechen.
»Marie ist wieder gesund. Gesund genug, um mich zu ärgern.«
Jacob lachte. Er hatte sich immer Geschwister gewünscht, aber er war ein Einzelkind geblieben. Was hätte er für eine freche kleine Schwester gegeben.

***

»Jacob, Jacob!«, rief Marie schon von weitem und stürmte auf ihn zu. Ihren Bruder zog sie hinter sich her.
»Wenn man vom Teufel spricht«, sagte Ida. »Langsam, Marie, nicht so stürmisch.«
Doch Marie hing Jacob schon am Hals und drückte ihn fest. Franz stand daneben und machte große Augen.
»Endlich kommst du uns mal besuchen, Jacob. Ich habe dich schon so vermisst. Wie geht es deinem Bein? Kannst du wieder arbeiten gehen?«
Ida rollte mit den Augen. Marie konnte einem wirklich Löcher in den Bauch fragen. Armer Jacob! Sie schaute ihn an und Jacob erwiderte ihr Lächeln mit einem Augenzwinkern. In ihrem Magen breitete sich ein kribbelndes Gefühl aus. So etwas hatte sie noch bei keinem anderen Jungen gespürt.

»Mittagessen!«, rief die Mutter von drin.
Wie junge Hunde stürmten Marie und Franz ins Haus. Ida wollte gerade von der Bank aufstehen, da nahm Jacob ihre Hand. Warm war seine Hand und Ida fühlte die Schwielen von der harten Arbeit in der Fischfabrik. Jacob zog Ida näher an sich heran und gab ihr einen Kuss. Ihr erster! In Idas Bauch flatterten die Schmetterlinge. Sie genoss das Gefühl von Jacobs Lippen auf ihren. Wenn sie diesen Moment doch nur konservieren könnte.

Fortsetzung folgt …

 

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

Multimedia-Lesung Sebastian Fitzek

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

am Freitag war es endlich soweit. 4 Monate, nachdem Uta, unsere Kollegin Katrin und ich die Tickets gekauft hatten, ging es zu Sebastian Fitzeks Multimedia-Lesung seines neuesten Buches, „Das Geschenk“. Wir waren äußerst gespannt auf die Show.

2 Stunden später stand fest: es war toll! Eine gelungene Mischung aus Lesung, passender musikalischer Untermalung, Videoanimationen und dem herrlich schwarzen Humor von Herrn Fitzek. Die Musiker haben wunderbar harmoniert und die Mischung aus klassischer und elektronischer Musik passte gut zur Spannung des Romans.

Wir Drei haben das Buch noch nicht gelesen, aber spätestens nach dieser Lesung steht fest, dass das nachgeholt wird.

Und jetzt lasse ich noch ein paar Bilder sprechen. Auf dem letzten könnt ihr die Schlange sehen, die sich nach der Show zur Signierstunde gebildet hatte. Uta wollte eigentlich ihr Buch signieren lassen, aber bei geschätzten 2 Stunden Wartezeit hat sie dann schweren Herzens verzichtet. 😕

Text und Fotos: Susanne Sommerfeld

Prinzesschens Halloween

Prinzesschen streckte sich und schaute aus dem Fenster. Von ihrer geliebten Fensterbank aus hatte sie einen erstklassigen Einblick in den Nachbarsgarten. Seit ein paar Tagen thronte auf den Eingangsstufen ein orangefarbener Kürbis enormen Ausmaßes, der sie direkt angrinste. Am Abend flackerte das hämische Grinsen dank einer Kerze. Kaum hatte sich Prinzesschen an den Anblick gewöhnt, verwandelte der Nachbar seinen gesamten Garten in ein Gruselkabinett: grün fluoreszierende Skelette, Plastikfledermäuse, Betttuchgeister und Luftballons mit den grässlichsten Fratzen, wohin man auch schaute. Prinzesschen atmete auf. Ihre Familie nahm an diesem schaurigen Treiben nicht mehr teil, seit Franzi ausgezogen war.

Von Neugier getrieben, setzte sie sich an die Tür und begehrte maunzend Ausgang. Sie hatte Glück. Frau Mayer ließ sie aus dem Haus. Mit erhobenem Haupt stolzierte sie einige Minuten später durch den Garten und betrachtete die eigenartige Dekoration.
»Hey, Prinzesschen. Sieht gut aus, was?«
Anton, der Nachbarskater, rieb erst seinen Kopf, dann den ganzen Körper am Kürbis entlang und zwinkerte ihr zu.
»Du kannst ruhig näher kommen, der beißt nicht.«
Prinzesschen schüttelte den Kopf.
»Das weiß ich selbst. Ich habe doch keine Angst vor Gemüse.«
Plötzlich knackte es hinter ihr. Prinzesschen sprang erschrocken auf und fauchte. Anton kicherte.
»Ja, ja, so sieht das also aus, wenn du keine Angst hast? Das war doch nur das wackelige Skelett.«
Prinzesschen nieste und schaute den dicken Kater empört an.
»Wir werden ja sehen, ob du heute Nacht noch so eine große Klappe hast, wenn es dann wirklich spukt«, sagte sie und verließ den Garten.
»Spuk gibt es hier nicht. Das weiß ich genau«, rief Anton ihr nach.

Der Halloweenabend war gekommen. Die Mayers hatten doch einige Tüten Süßigkeiten besorgt, damit es keine langen Gesichter bei den Kindern gab, die später mit Sicherheit an der Tür klingeln würden. Prinzesschen hatte es sich auf der Fensterbank bequem gemacht und behielt den Nachbarsgarten im Auge. Dort herrschte reges Treiben. Einige Kinder machten sich einen Spaß daraus, an der Dekoration zu ziehen und das Licht im Kürbis auszublasen. Als einer der Bengel Anton in ein Bettlaken hüllen wollte, kletterte dieser auf den Kirschbaum.
Prinzesschen würde dem armen Kerl etwas Gesellschaft leisten. Als es erneut an der Tür klingelte und ihre Familie die »Süßes oder Saures« rufenden »Geister« mit Bonbons und Schokolade versorgte, nutzte Prinzesschen die Gelegenheit zur Flucht. Auf leisen Pfoten schlich sie zum Kirschbaum und kraxelte am Stamm empor. Anton bemerkte sie nicht.
»Na, ist dir der Spuk doch zu viel?«, fragte Prinzesschen.
Anton sprang auf und konnte sich gerade noch am Ast festkrallen.
»Musst du mich so erschrecken?«, fauchte er.
»Ich dachte, du glaubst nicht an Spuk. Warum sitzt du dann hier oben?«
Anton seufzte.
»Die Kinder gehen mir auf die Nerven. Stell dir vor, eines wollte mich als Gespenst verkleiden.«
Gemeinsam saßen sie eine Weile auf dem Baum. Nach und nach wurde es ruhiger.
Prinzesschen streckte sich und gähnte.
»Hey, Anton. Lass uns noch was unternehmen. Hier ist es langweilig. Ich möchte was erleben.«
Anton schaute sie an und kratzte sich am Kopf. Das tat er oft, wenn er nachdachte.
»In Ordnung. Ich kenne ein leerstehendes Haus. Wenn du dich wirklich gruseln möchtest, bist du dort genau richtig.«
Was sollte denn an einem leerstehenden Haus gruselig sein?
Anton schien ihre Gedanken erraten zu haben.
»Wart’s nur ab. Du wirst schon sehen.«

Prinzesschen betrachtete das Gebäude eingehend. Anton hatte recht. Allein der äußere Anblick des Hauses bereitete ihr Unbehagen. Früher mochte es eine beeindruckende Villa gewesen sein mit ihren hohen Fenstern, mittlerweile jedoch fast alle ohne Scheiben, einer imposanten Eingangstür mit einem reich verzierten Türklopfer und einem mit abwehrenden Speerspitzen bestückten Zaun. Efeu rankte sich besitzergreifend über die gesamte Backsteinfront. Der protzige Bau wirkte heute in diesem Viertel mit schmucklosen und sich ähnelnden Einfamilienhäusern fehl am Platz. Und doch hatte er überlebt.
Anton sprang durch ein offenes Fenster neben der Eingangstür. Einen derart eleganten Sprung hätte Prinzesschen dem dicken Kater gar nicht zugetraut.
»Nun komm schon. Oder bist du zu feige?«, rief er von drinnen.
Prinzesschen nahm Anlauf und sprang.
Der Eingangsbereich des Hauses war imposant. An den hohen Wänden hingen Gemälde von ernst dreinschauenden Personen. Prinzesschen hatte das Gefühl, als verfolgten sie die prüfenden Blicke dieser Herrschaften. Die Zeiger einer hölzernen Standuhr zeigten die Zeit: 23 Uhr. Über eine mit einem weichen roten Teppich ausgelegte Treppe gelangte man ins obere Geschoss. Anton war bereits oben angekommen und nickte ihr aufmunternd zu. Die Stufen waren für Prinzesschen mit ihren kurzen Beinen nicht einfach zu erklimmen, aber sie bemühte sich, sie so anmutig wie möglich zu bewältigen.
Ein langer Gang erstreckte sich scheinbar unendlich nach links und rechts. Die hier herrschende Dunkelheit verschluckte nach wenigen Metern die Sicht.
»Bleib in der Mitte des Ganges und geh in keines der Zimmer«, sagte Anton mit einem warnenden Unterton und lief vornweg.
Einige Zimmertüren waren nicht geschlossen. Prinzesschen hätte zu gern gewusst, was sich in diesen Räumlichkeiten befand. Warum sollte sie denn nicht wenigstens einen kurzen Blick hineinwerfen?
Vor einer nur einen schmalen Spalt geöffneten Tür blieb sie stehen. Anton hatte nichts bemerkt. Unbeeindruckt stapfte er weiter. Prinzesschen steckte den Kopf durch den Türspalt. Mondlicht schien durch die Fenster und hüllte das Schlafzimmer in ein silbriges Licht. Hatte Anton nicht gesagt, das wäre ein verlassenes Haus? Warum sah es dann aber hier so aus, als würden die Bewohner in jedem Moment zurückkehren? Die Kissen waren aufgeschüttelt, die Bettdecke akkurat zusammengelegt. Auf dem Nachtschränkchen lag ein Stapel Bücher. Prinzesschen betrat das Zimmer und näherte sich dem Sessel am Fenster. Der sah so einladend aus und sie wurde langsam müde. Sie würde sich nur einen Moment ausruhen.
Plötzlich schlug die Tür hinter ihr zu. Prinzesschen zuckte zusammen. Ihr Fell stellte sich auf. Nervös zuckte ihre Schwanzspitze. Doch es war nichts zu sehen. Bestimmt nur ein Luftzug. Sie sprang auf den Sessel und rollte sich zu einer Kugel zusammen. Bald darauf zog es ihr die Augen zu. So merkte sie nicht, dass sich die Tür wieder öffnete.

Was war das für ein Geräusch? Prinzesschens Ohren zitterten. Langsam öffnete sie die Augen zu Schlitzen, wagte es aber nicht, sich zu bewegen. Ein Mädchen, bekleidet mit einem weißen langen Nachthemd, saß auf dem Bett und beobachtete sie. Die Gesichtsfarbe des Mädchens, das nicht älter als zehn Jahre sein konnte, war außergewöhnlich fahl, aber das lag bestimmt am Mond. »Du bist eine hübsche Katze. Früher hatte ich auch mal eine, aber die lebt schon lange nicht mehr.«
Das Mädchen erhob sich vom Bett und steuerte auf Prinzesschen zu.
»Möchtest du gern bei mir bleiben? Ich kümmere mich gut um dich.«
Prinzesschen setzte sich auf. Das Mädchen war nett, aber sie hatte ja bereits eine Familie. Außerdem verspürte sie nicht den Wunsch, in diesem merkwürdigen Haus zu leben. Sie schüttelte den Kopf. Das Mädchen blickte traurig und streckte ihre Hand nach ihr aus. Prinzesschen wich zurück, aber zu spät. Die Berührung fühlte sich ganz anders an, als wenn Frau Mayer sie streichelte. Die Kleine hatte eiskalte Finger.
»Du bist schön weich. Ich wünschte, du würdest bei mir bleiben. Ich bin so allein.«
»Prinzesschen! Prinzesschen, wo bist du?«, hallte Antons Stimme im Gang.
Das Mädchen zuckte zusammen.
»Wer ist denn noch hier? Bist du nicht allein?«
Erstaunt sah sie zur Tür.
»Bleib doch noch, nur ein bisschen«, flehte sie.
Prinzesschen sprang vom Sessel.
Kurz bevor sie die Tür erreichte, schlug das Mädchen diese zu.
»Ich kann dich nicht gehen lassen. Du bist jetzt meine Katze. Dir wird es hier gefallen.«
Es kratzte an der Tür.
»Prinzesschen, bist du hier drin?«
»Anton, hol mich hier sofort raus!«, rief Prinzesschen und fauchte das Mädchen an.
Doch dieses schien völlig unbeeindruckt von der Drohung. Immer wieder rumste es jetzt auf der anderen Seite. Was machte Anton denn bloß?
Im nächsten Moment flog die Tür auf und Prinzesschens Retter sprang in großen Sätzen auf das Mädchen zu.
»Lass meine Freundin in Ruhe.«
Das Mädchen wich zurück. Dann nickte sie. Eine Träne rollte ihr über die linke Wange.

Dong, dong, dong – zwölf Mal schlug die Standuhr. Kurz danach war ein leises Geräusch zu vernehmen, so ähnlich, als wenn Frau Mayer mit der Spraydose ihr Haar in Form brachte. Das Mädchen war verschwunden. Alle Einrichtungsgegenstände waren zu ihrem Schutz mit weißen Laken verhüllt. Staubkörnchen wirbelten im Mondlicht. Anton und Prinzesschen blickten sich an.

Mitternacht, Halloween war vorüber.

 

Prinzesschens bisherige Abenteuer findet ihr hier: Prinzesschens Abenteuer

Text: Susanne Sommerfeld

Halloween-Geschichten

Liebe Leserinnen und Leser,

heute ein wenig Werbung in eigener Sache.

Im Oktober habe ich mich an einer Ausschreibung für eine Halloween-Anthologie der Media-Agentur von Gaby Hoffmann beteiligt und freue mich nun sehr, mit zwei Geschichten bei der heute veröffentlichten Geschichtensammlung dabei zu sein.

Vom 27. bis 29. Oktober 2019 könnt ihr das E-Book kostenlos bei Amazon herunterladen. 18 Halloween-Geschichten warten darauf, von euch gelesen zu werden.

Und heute kam noch eine positive Nachricht von der Media-Agentur: es wird auch demnächst als Taschenbuch erscheinen. 🙂

 

 

Liebe Grüße,

Susanne Sommerfeld

10 Jahre

Liebe Leserinnen und Leser,

heute vor 10 Jahren musste ich meine Dalmatinerhündin „Jule“ über die Regenbogenbrücke gehen lassen. 14,5 Jahre ist sie alt geworden, ein stolzes Alter. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, der 21.10.2009.

Ein Mittwoch war es und wir mussten die schwere Entscheidung treffen, „Jule“ einschläfern zu lassen. Zu groß war der Tumor an der Milchleiste geworden. Sie hatte mittlerweile auch Schmerzen und Probleme beim Hinlegen. Auch die Hinterbeine waren recht schwach geworden. Wir wollten sie nicht länger leiden lassen und so hieß es Abschiednehmen. Es war einer der schwersten Gänge für mich bis dahin, aber ich bin heute noch froh, dass ich bis zum Ende bei ihr war und sie ruhig hinübergleiten konnte.

Danach haben wir sie auf dem Tierfriedhof beerdigt. Ich brauchte dieses Grab für die Trauerbewältigung. Jetzt nach 10 Jahren habe ich es aufgelöst.

Und nun lasse ich unseren gemeinsamen Lebensabschnitt noch einmal in einigen Bildern Revue passieren:

 

 

Text und Fotos: Susanne Sommerfeld

Höllentalklamm

Liebe Leserinnen und Leser,

am letzten sonnigen Tag dieser Woche, nämlich am Mittwoch, haben wir erneut die Tour zum Osterfelderkopf gemacht, aber dieses Mal bin ich durch die Höllentalklamm gelaufen.

Von Hammersbach aus geht es ordentlich bergauf, liegt doch der Eingang zur Klamm auf 1045 m Höhe. 5 € Eintritt kostet es, ihr könnt die Klamm dafür dann auch auf dem Rückweg passieren.

Der Anstieg lohnt sich auf jeden Fall:

Wer nach der Klamm noch ca. 30 Minuten weiterläuft, kommt zur renovierten Höllentalangerhütte. Die ist bei schönem Wetter immer gut besucht.

Liebe Grüße, Susanne

Text und Fotos: Susanne Sommerfeld