abc.etüden – 02/03-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

das ist meine Etüdenpremiere. Ich habe mir für das Jahr 2020 vorgenommen, mehr zu schreiben, vor allem auch kürzere Texte. Und da kommen mir die Etüden ganz gelegen. Gar nicht so leicht, sich in nur 300 Wörtern auszudrücken. 🙂 Die Wortspende kommt von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer„).

Hier also mein erster Versuch (299 Wörter):

Sabine hatte sich so auf den Skiurlaub gefreut. Dieser Ausflug sollte sie und Leo einander wieder näher bringen. Dann kam alles ganz anders und nun saß sie allein in dem viel zu luxuriösen Hotelzimmer inmitten schneebedeckter Berge und gutgelaunter Skitouristen. Sie fühlte sich mickrig und ungeliebt. Wie war es überhaupt so weit gekommen? Leo und sie waren ein glückliches Paar gewesen, bis die Andere in ihr Leben getreten war. Harmlos hatte es begonnen. Sabine hatte sich mit Danielle angefreundet, obwohl sie nichts gemeinsam hatten, außer dass sie im selben Büro arbeiteten. Am Anfang hatten sie stundenlang im Café gesessen, waren im Park spazieren und ins Kino gegangen und dann hatte sie ihr Leo vorgestellt.

Ein paar Monate später hatte sie die beiden auf frischer Tat erwischt, ausgerechnet am Valentinstag. Ihr war vorher überhaupt nichts aufgefallen. Wie konnte man so blind sein?

Es klopfte an der Tür. Dabei hatte sie doch das »Bitte nicht stören«-Schild an die Klinke gehängt. Es klopfte erneut. Sabine wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und öffnete die Tür.
»Was machst du denn hier?«, fragte sie.
Leo stand mit einem riesigen Strauß Blumen vor ihr und machte eine betrübte Miene.
»Darf ich erstmal reinkommen?«
Leo schüttete ihr sein ganzes Herz vor die Füße, doch sie schwieg. Natürlich hörte sie gern, dass er sie liebte, ihm alles schrecklich leidtat und so etwas nie wieder vorkommen würde.
»Sag doch was, Sabine.«
Leo zog sie an sich. Sie fühlte nichts. Das war eine Erleichterung für sie. Sie würde sich nicht mehr von ihren Gefühlen herumkommandieren lassen. Ab sofort bestimmte sie die Regeln.
Sie schob Leo von sich und schüttelte den Kopf.
»Es gibt nichts mehr zu sagen.«

Einige Wochen später saß sie in ihrer neuen Wohnung in einer fremden Stadt. Sie würde noch einmal ganz von vorn anfangen.

Text: Susanne Sommerfeld