Prinzesschens Halloween

Prinzesschen streckte sich und schaute aus dem Fenster. Von ihrer geliebten Fensterbank aus hatte sie einen erstklassigen Einblick in den Nachbarsgarten. Seit ein paar Tagen thronte auf den Eingangsstufen ein orangefarbener Kürbis enormen Ausmaßes, der sie direkt angrinste. Am Abend flackerte das hämische Grinsen dank einer Kerze. Kaum hatte sich Prinzesschen an den Anblick gewöhnt, verwandelte der Nachbar seinen gesamten Garten in ein Gruselkabinett: grün fluoreszierende Skelette, Plastikfledermäuse, Betttuchgeister und Luftballons mit den grässlichsten Fratzen, wohin man auch schaute. Prinzesschen atmete auf. Ihre Familie nahm an diesem schaurigen Treiben nicht mehr teil, seit Franzi ausgezogen war.

Von Neugier getrieben, setzte sie sich an die Tür und begehrte maunzend Ausgang. Sie hatte Glück. Frau Mayer ließ sie aus dem Haus. Mit erhobenem Haupt stolzierte sie einige Minuten später durch den Garten und betrachtete die eigenartige Dekoration.
»Hey, Prinzesschen. Sieht gut aus, was?«
Anton, der Nachbarskater, rieb erst seinen Kopf, dann den ganzen Körper am Kürbis entlang und zwinkerte ihr zu.
»Du kannst ruhig näher kommen, der beißt nicht.«
Prinzesschen schüttelte den Kopf.
»Das weiß ich selbst. Ich habe doch keine Angst vor Gemüse.«
Plötzlich knackte es hinter ihr. Prinzesschen sprang erschrocken auf und fauchte. Anton kicherte.
»Ja, ja, so sieht das also aus, wenn du keine Angst hast? Das war doch nur das wackelige Skelett.«
Prinzesschen nieste und schaute den dicken Kater empört an.
»Wir werden ja sehen, ob du heute Nacht noch so eine große Klappe hast, wenn es dann wirklich spukt«, sagte sie und verließ den Garten.
»Spuk gibt es hier nicht. Das weiß ich genau«, rief Anton ihr nach.

Der Halloweenabend war gekommen. Die Mayers hatten doch einige Tüten Süßigkeiten besorgt, damit es keine langen Gesichter bei den Kindern gab, die später mit Sicherheit an der Tür klingeln würden. Prinzesschen hatte es sich auf der Fensterbank bequem gemacht und behielt den Nachbarsgarten im Auge. Dort herrschte reges Treiben. Einige Kinder machten sich einen Spaß daraus, an der Dekoration zu ziehen und das Licht im Kürbis auszublasen. Als einer der Bengel Anton in ein Bettlaken hüllen wollte, kletterte dieser auf den Kirschbaum.
Prinzesschen würde dem armen Kerl etwas Gesellschaft leisten. Als es erneut an der Tür klingelte und ihre Familie die »Süßes oder Saures« rufenden »Geister« mit Bonbons und Schokolade versorgte, nutzte Prinzesschen die Gelegenheit zur Flucht. Auf leisen Pfoten schlich sie zum Kirschbaum und kraxelte am Stamm empor. Anton bemerkte sie nicht.
»Na, ist dir der Spuk doch zu viel?«, fragte Prinzesschen.
Anton sprang auf und konnte sich gerade noch am Ast festkrallen.
»Musst du mich so erschrecken?«, fauchte er.
»Ich dachte, du glaubst nicht an Spuk. Warum sitzt du dann hier oben?«
Anton seufzte.
»Die Kinder gehen mir auf die Nerven. Stell dir vor, eines wollte mich als Gespenst verkleiden.«
Gemeinsam saßen sie eine Weile auf dem Baum. Nach und nach wurde es ruhiger.
Prinzesschen streckte sich und gähnte.
»Hey, Anton. Lass uns noch was unternehmen. Hier ist es langweilig. Ich möchte was erleben.«
Anton schaute sie an und kratzte sich am Kopf. Das tat er oft, wenn er nachdachte.
»In Ordnung. Ich kenne ein leerstehendes Haus. Wenn du dich wirklich gruseln möchtest, bist du dort genau richtig.«
Was sollte denn an einem leerstehenden Haus gruselig sein?
Anton schien ihre Gedanken erraten zu haben.
»Wart’s nur ab. Du wirst schon sehen.«

Prinzesschen betrachtete das Gebäude eingehend. Anton hatte recht. Allein der äußere Anblick des Hauses bereitete ihr Unbehagen. Früher mochte es eine beeindruckende Villa gewesen sein mit ihren hohen Fenstern, mittlerweile jedoch fast alle ohne Scheiben, einer imposanten Eingangstür mit einem reich verzierten Türklopfer und einem mit abwehrenden Speerspitzen bestückten Zaun. Efeu rankte sich besitzergreifend über die gesamte Backsteinfront. Der protzige Bau wirkte heute in diesem Viertel mit schmucklosen und sich ähnelnden Einfamilienhäusern fehl am Platz. Und doch hatte er überlebt.
Anton sprang durch ein offenes Fenster neben der Eingangstür. Einen derart eleganten Sprung hätte Prinzesschen dem dicken Kater gar nicht zugetraut.
»Nun komm schon. Oder bist du zu feige?«, rief er von drinnen.
Prinzesschen nahm Anlauf und sprang.
Der Eingangsbereich des Hauses war imposant. An den hohen Wänden hingen Gemälde von ernst dreinschauenden Personen. Prinzesschen hatte das Gefühl, als verfolgten sie die prüfenden Blicke dieser Herrschaften. Die Zeiger einer hölzernen Standuhr zeigten die Zeit: 23 Uhr. Über eine mit einem weichen roten Teppich ausgelegte Treppe gelangte man ins obere Geschoss. Anton war bereits oben angekommen und nickte ihr aufmunternd zu. Die Stufen waren für Prinzesschen mit ihren kurzen Beinen nicht einfach zu erklimmen, aber sie bemühte sich, sie so anmutig wie möglich zu bewältigen.
Ein langer Gang erstreckte sich scheinbar unendlich nach links und rechts. Die hier herrschende Dunkelheit verschluckte nach wenigen Metern die Sicht.
»Bleib in der Mitte des Ganges und geh in keines der Zimmer«, sagte Anton mit einem warnenden Unterton und lief vornweg.
Einige Zimmertüren waren nicht geschlossen. Prinzesschen hätte zu gern gewusst, was sich in diesen Räumlichkeiten befand. Warum sollte sie denn nicht wenigstens einen kurzen Blick hineinwerfen?
Vor einer nur einen schmalen Spalt geöffneten Tür blieb sie stehen. Anton hatte nichts bemerkt. Unbeeindruckt stapfte er weiter. Prinzesschen steckte den Kopf durch den Türspalt. Mondlicht schien durch die Fenster und hüllte das Schlafzimmer in ein silbriges Licht. Hatte Anton nicht gesagt, das wäre ein verlassenes Haus? Warum sah es dann aber hier so aus, als würden die Bewohner in jedem Moment zurückkehren? Die Kissen waren aufgeschüttelt, die Bettdecke akkurat zusammengelegt. Auf dem Nachtschränkchen lag ein Stapel Bücher. Prinzesschen betrat das Zimmer und näherte sich dem Sessel am Fenster. Der sah so einladend aus und sie wurde langsam müde. Sie würde sich nur einen Moment ausruhen.
Plötzlich schlug die Tür hinter ihr zu. Prinzesschen zuckte zusammen. Ihr Fell stellte sich auf. Nervös zuckte ihre Schwanzspitze. Doch es war nichts zu sehen. Bestimmt nur ein Luftzug. Sie sprang auf den Sessel und rollte sich zu einer Kugel zusammen. Bald darauf zog es ihr die Augen zu. So merkte sie nicht, dass sich die Tür wieder öffnete.

Was war das für ein Geräusch? Prinzesschens Ohren zitterten. Langsam öffnete sie die Augen zu Schlitzen, wagte es aber nicht, sich zu bewegen. Ein Mädchen, bekleidet mit einem weißen langen Nachthemd, saß auf dem Bett und beobachtete sie. Die Gesichtsfarbe des Mädchens, das nicht älter als zehn Jahre sein konnte, war außergewöhnlich fahl, aber das lag bestimmt am Mond. »Du bist eine hübsche Katze. Früher hatte ich auch mal eine, aber die lebt schon lange nicht mehr.«
Das Mädchen erhob sich vom Bett und steuerte auf Prinzesschen zu.
»Möchtest du gern bei mir bleiben? Ich kümmere mich gut um dich.«
Prinzesschen setzte sich auf. Das Mädchen war nett, aber sie hatte ja bereits eine Familie. Außerdem verspürte sie nicht den Wunsch, in diesem merkwürdigen Haus zu leben. Sie schüttelte den Kopf. Das Mädchen blickte traurig und streckte ihre Hand nach ihr aus. Prinzesschen wich zurück, aber zu spät. Die Berührung fühlte sich ganz anders an, als wenn Frau Mayer sie streichelte. Die Kleine hatte eiskalte Finger.
»Du bist schön weich. Ich wünschte, du würdest bei mir bleiben. Ich bin so allein.«
»Prinzesschen! Prinzesschen, wo bist du?«, hallte Antons Stimme im Gang.
Das Mädchen zuckte zusammen.
»Wer ist denn noch hier? Bist du nicht allein?«
Erstaunt sah sie zur Tür.
»Bleib doch noch, nur ein bisschen«, flehte sie.
Prinzesschen sprang vom Sessel.
Kurz bevor sie die Tür erreichte, schlug das Mädchen diese zu.
»Ich kann dich nicht gehen lassen. Du bist jetzt meine Katze. Dir wird es hier gefallen.«
Es kratzte an der Tür.
»Prinzesschen, bist du hier drin?«
»Anton, hol mich hier sofort raus!«, rief Prinzesschen und fauchte das Mädchen an.
Doch dieses schien völlig unbeeindruckt von der Drohung. Immer wieder rumste es jetzt auf der anderen Seite. Was machte Anton denn bloß?
Im nächsten Moment flog die Tür auf und Prinzesschens Retter sprang in großen Sätzen auf das Mädchen zu.
»Lass meine Freundin in Ruhe.«
Das Mädchen wich zurück. Dann nickte sie. Eine Träne rollte ihr über die linke Wange.

Dong, dong, dong – zwölf Mal schlug die Standuhr. Kurz danach war ein leises Geräusch zu vernehmen, so ähnlich, als wenn Frau Mayer mit der Spraydose ihr Haar in Form brachte. Das Mädchen war verschwunden. Alle Einrichtungsgegenstände waren zu ihrem Schutz mit weißen Laken verhüllt. Staubkörnchen wirbelten im Mondlicht. Anton und Prinzesschen blickten sich an.

Mitternacht, Halloween war vorüber.

 

Prinzesschens bisherige Abenteuer findet ihr hier: Prinzesschens Abenteuer

Text: Susanne Sommerfeld

Prinzesschens Urlaub

Etwas Unheimliches ging im Hause Mayer vor sich. Prinzesschen streckte die Nase in die Luft und roch Nervosität und Vorfreude. Was würde wohl auf sie zukommen? Frau Mayer war die Aufregung im Gesicht anzusehen. Seit Tagen schon wuselte sie im Haus herum und summte dabei vor sich hin.
Gerade kam sie mit einem furchteinflößenden Gegenstand aus dem Keller gestapft und stellte ihn im Wohnzimmer ab. Prinzesschen sprang von der Fensterbank und machte einen Buckel. Ihr Fell sträubte sich und ließ sie größer erscheinen, als sie mit ihren krummen Beinchen war.
Sicherheitshalber fauchte sie das Ungetüm an, um ihm zu zeigen, wer hier die Katze im Hause war. Doch das Monster ließ sich nicht beeindrucken und blieb ungerührt von ihrem Gebaren stehen. Vorsichtig näherte sich Prinzesschen dem Ding und schnupperte daran.
»Na, meine Kleine, hast du dich schon mit dem Koffer angefreundet?«, fragte Frau Mayer und streichelte ihr über den Kopf. Prinzesschen antwortete mit einem leisen »Miau« und schnupperte an dem Objekt namens »Koffer«.
»Du kannst leider nicht mit uns in den Urlaub kommen. Aber dich erwartet dein eigenes Abenteuer.«
»Urlaub«. Noch ein neues Wort.
Erneut kam Frau Mayer ins Wohnzimmer, dieses Mal mit einem Gegenstand, den Prinzesschen zutiefst verabscheute. Oh, nein, nicht zum Tierarzt, bitte nicht! Prinzesschen wich zurück und legte die Ohren an. Frau Mayer lachte.
»Nein, Prinzesschen, keine Angst. Kein Tierarzt. Du darfst deinen Urlaub in der besten Tierpension der Stadt verbringen.«
Prinzesschen spitzte die Ohren. Was war denn eine Tierpension? Und warum fuhren die Mayers ohne sie in den Urlaub?

»Urlaub? Koffer? Tierpension?«, fragte Anton.
»Los, sag schon. Hast du eine Ahnung, was mir bevorsteht?«
Der rote Kater schaute sie mit einem mitfühlenden Blick an und nickte.
»Ich bin jedes Jahr im Sommer für längere Zeit dort, was deine Menschen Tierpension nennen. Sie nennen es Urlaub, für mich ist es schlimmer als der Tierarztbesuch. Stell dir vor, ich bekomme da viel zu wenig zu fressen.«

»Miez, Miez, nun komm doch da raus«, flehte Frau Mayer, die mit hochrotem Kopf unter das Bett schaute und mit ein paar Wurststückchen wedelte.
Prinzesschen hatte sich in die hinterste Ecke gequetscht. Von so ein paar Leckereien würde sie sich nicht bestechen lassen. Anton hatte ihr in den dunkelsten Farben seine Erlebnisse in der Tierpension ausgemalt. Sie hatte überhaupt keine Lust auf »Urlaub«.
»Helmut, nun mach doch mal was!«, rief Frau Mayer entnervt in Richtung Badezimmer.
Doch Herr Mayer konnte nichts ausrichten. Prinzesschen blieb unter dem Bett hocken. Sollten die Mayers doch in den Urlaub fahren. Sie würde hier auch alleine zurechtkommen.
Sie war nur eine Sekunde weggenickt, – länger konnte es nicht gewesen sein – als sie eine Hand an ihrem Hals spürte. Noch bevor Prinzesschen entwischen konnte, hatte Frau Mayer sie schon ergriffen und bugsierte sie trotz heftiger Gegenwehr in die verhasste Transportbox. Verflixt!

Hier roch alles so fremd, nach anderen Katzen und zu allem Überfluss auch nach Hunden. Und dann erst diese Geräuschkulisse! Dem Gekläffe nach zu urteilen, mussten hier Hunderte davon leben. Das sollte der viel beschworene »Urlaub« sein?
Frau Mayer setzte die Transportbox ab und öffnete die Tür.
»Prinzesschen, schau mal, wie schön es hier ist. Und neue Freunde hast du hier auch.«
Neue Freunde? Sie hatte in ihrem Zuhause genügend. Wozu brauchte sie neue?
Vorsichtig streckte sie den Kopf aus der Box. Ein schwarz-weißer Kater saß am Fenster und ignorierte sie.

»Hey, wer bist du denn?«
Prinzesschen fauchte erschrocken, als sich die getigerte Schönheit vor ihr aufbaute. Eine solch große Katze hatte sie noch nie gesehen. Anton war nichts dagegen. Das war doch nicht etwa ein echter Tiger, so einer, wie sie ihn letztens im Fernsehen bewundert hatte? Sie drehte sich nach Frau Mayer um, aber diese war bereits gegangen. Hilfe war nicht zu erwarten.
»Na, hat es dir die Sprache verschlagen? Das ist nicht besonders höflich, weißt du?«
Prinzesschen setzte sich aufrecht hin und hoffte, dadurch etwas größer zu wirken.
»Ich bin Prinzesschen. Und du?«
Die Tigerin prustete vor Lachen.
»Prinzesschen? Das ist wirklich dein Name?«
»Was ist bitte daran so lustig?«
»Ach, vergiss es. Nicht so wichtig. Mein Name ist Sidonie von der Villa Waldesruh.«
Und die macht sich über meinen Namen lustig, dachte Prinzesschen.

Der Urlaub war gar nicht so übel. Entgegen ihren Befürchtungen bekam sie hier genügend zu fressen und die Dosenöffner waren freundlich und verteilten jede Menge Streicheleinheiten. Sidonie entpuppte sich als wunderbare Spielkameradin, nur Rudolph, der schwarz-weiße Kater, saß lieber am Fenster und starrte hinaus. Er hätte Heimweh, so nannte es Sidonie.

»Prinzesschen, wach auf.«
Prinzesschen knurrte leise. Sie träumte gerade von ihrer Familie und wollte nicht geweckt werden.
»Nun, komm schon. Deine Familie ist zurück.«
Prinzesschen spitzte die Ohren. Was hatte Sidonie da gesagt? Mit einem Satz war sie aufgesprungen und drückte ihre Nase dicht ans Fenster. Und da waren sie, Frau und Herr Mayer, und sogar Franzi war dabei.

»Meine Kleine, wir sind wieder zurück.«
Schnurrend strich Prinzesschen um die Beine ihrer Familie. Zum Abschied nickte Sidonie ihr zu.
»Mach’s gut, Prinzesschen, bis zum nächsten Mal.«

 

 

Text: Susanne Sommerfeld

Prinzesschen und das Osterfest

Prinzesschen saß auf ihrem Lieblingsplatz, der Fensterbank in der Küche. Sehnsüchtig schaute sie in den Garten. Der Schnee war vor einigen Tagen endgültig geschmolzen und die ersten Schneeglöckchen begrüßten zaghaft den Frühling. Herr Mayer holte gerade die Morgenzeitung aus dem Briefkasten.
„Schau mal, Prinzesschen, welch herrliches Wetter heute ist“, rief er ihr vom Flur aus zu.
Prinzesschen lief ihm entgegen und sah, dass die Haustür noch immer offen stand. Herr Mayer lachte und zeigte mit dem Finger nach draußen.
„Geh doch mal raus und genieße die frische Luft. Aber pass mir mit der Straße auf.“
Dann scheuchte er sie förmlich aus dem Haus. Er konnte ja nicht ahnen, dass Prinzesschen längst wusste, wie es dort draußen aussah. Ihren Ausflug mit dem Weihnachtsmann und seinen Rentieren hatte sie nicht vergessen.

Erschrocken fauchte der rote Nachbarskater sie an, als sie auf einmal neben ihm am Vogelhaus auftauchte.
„Mit mir hast du nicht gerechnet, was?“
Da der Kater nicht antwortete, stellte sie ihm die nächste Frage: „Wie heißt du eigentlich?“
Er schaute recht verdattert, brachte dann aber stotternd hervor: „A… A… Anton. Bist du nicht Prinzesschen? Seit wann darfst du denn raus?“
„Das ist mein erster Tag. Magst du mir nicht ein wenig die Gegend zeigen?“

Und so kam es, dass Prinzesschen und Anton den ganzen Vormittag durch die Siedlung streiften. Anton wusste einiges über die Bewohner zu berichten. Er warnte sie auch vor Gefahren, zum Beispiel dem schlechtgelaunten Dackel in Nummer 32.
„Das Grundstück betrittst du besser gar nicht. Waldi ist nicht gut auf Katzen zu sprechen und wenn er dich erwischt, … Ach, denk besser gar nicht daran. Halte dich einfach fern von Nummer 32.“
Prinzesschen versuchte, sich alles zu merken, was Anton ihr berichtete, aber nach etlichen Gärten schwirrte ihr der Kopf. Das waren zu viele Informationen auf einmal.
„Du hör mal, Anton. Ich brauche eine Pause. Geh doch schon mal weiter. Ich lege mich hier ein wenig in die Sonne.“
„Na klar, wir sehen uns später.“
Prinzesschen sah dem Kater hinterher, der mit einiger Mühe versuchte, sein dickes Hinterteil durch eine Lücke im Gartenzaun zu quetschen. Dann legte sie sich an den Rand der schützenden Hecke und streckte die Beine von sich. Die Strahlen der Frühlingssonne wärmten ihren Pelz. Genüsslich schnurrend schloss sie die Augen. Die neu gewonnene Freiheit gefiel ihr, war aber auch anstrengend.

„Guck mal, Flitzi, die hat ja krumme Beine. Wetten, dass die nicht so schnell rennen kann wie wir?“
„Natürlich nicht, Mümmel, wie sollte sie auch? Wir können Haken schlagen. Das können diese Kratzbürsten zum Glück nicht.“
Prinzesschen wackelte mit den Ohren. Was war das für ein Gekicher? Sicher träumte sie noch. Auf einmal traf sie etwas am Kopf. Erschrocken sprang sie auf und fauchte.
„Oh, jetzt haben wir aber Angst.“
Prinzesschen blinzelte mehrmals, aber das Bild, was sich ihr bot, wollte einfach nicht verschwinden. Nur einen Meter von ihr entfernt saßen zwei Hasen und starrten sie an. Nun sah sie auch, was sie an den Kopf geworfen bekommen hatte, einen dicken Tannenzapfen. Die beiden Langohren stießen sich an, kicherten und hielten sich die Bäuche. Was waren das für alberne Wesen?
„Was gibt es denn da zu lachen?“
„Du solltest mal dein Gesicht sehen“, sagte der kleinere der beiden.
„Ja, du schaust ganz schön bedeppert aus der Wäsche“, erwiderte der andere.
Prinzesschen schnaubte und warf den Kopf in den Nacken. Sie hatte es wahrlich nicht nötig, sich von solch ein paar dahergelaufenen Hasen beleidigen zu lassen.
„Ach, nun schau einer an. Jetzt ist die Dame auch noch beleidigt. Hey, es tut uns leid. Wir haben einen harten Job und wollten auch mal unseren Spaß haben.“
„Harter Job? Was macht ihr denn?“, fragte Prinzesschen und ging einen Schritt auf die beiden zu.
„Wir sind Osterhasen. Hast du sicher schon mal gehört. Meine Freundin Flitzi und ich, Mümmel, müssen jedes Jahr dafür sorgen, dass die Kinder in den Gärten ihre Osternester gefüllt vorfinden. Sehr anstrengende Angelegenheit.“
Prinzesschen nickte beeindruckt.
„Da habt ihr ja noch einiges zu tun. Ist nicht diesen Sonntag schon Ostern?“
„Ja, pass nur auf, ob nicht auch in deinem Garten etwas zu finden ist.“
Noch bevor Prinzesschen eine weitere Frage stellen konnte, waren die beiden Hasen schon davongehoppelt.

„Na, hast du dich schön ausgeruht?“
Anton steckte den Kopf durch die Hecke und zwängte dann den Rest seines Körpers durch die Zweige.
„Du glaubst ja nicht, was ich gerade erlebt habe.“
„Hat dich das Eichhörnchen geärgert? Oder haben die Müllers ihren Kater rausgelassen?“
„Nein, viel besser. Zwei Osterhasen habe ich gesehen. Flitzi hieß der eine, Mümmel der andere.“
Anton schaute sie verdutzt an.
„Ich glaube, du hast zu lange in der Sonne gelegen. Du bist das ja auch gar nicht gewöhnt. Lass uns heimgehen.“
Auf dem Heimweg versuchte Prinzesschen erneut, Anton von ihrer Begegnung zu erzählen, der aber schüttelte nur den Kopf und schaute sie mitleidig an.
„Armes Kätzchen. Du solltest doch lieber im heimischen Garten bleiben. Zu viel Freiheit scheint dir nicht zu bekommen.“
Sie gab es auf. Anton würde ihr nicht glauben. Der Kater hatte eben keine Fantasie.

Am Morgen des Ostersonntags regnete es. Doch Prinzesschen stellte sich an die Haustür und miaute.
„Du willst wirklich bei diesem Wetter raus?“, fragte Herr Mayer.
Prinzesschen sah ihn bittend an und die Tür zur Freiheit öffnete sich. Suchend streifte sie durch den Garten, warf einen Blick unter den Rhododendron und prüfte das Vogelhaus, aber es war nichts zu sehen. Dann endlich, als sie es schon aufgeben wollte, sah sie etwas Rotes unter der Buchsbaumhecke hervorblitzen. Mit sanften Schritten näherte sie sich dem Objekt. Was dies wohl sein mochte? Sie stupste das rote Ding mit der Nase an. Ein Ei, so groß wie Franzis Tennisball, aus Plastik. Als sie es mit der Pfote anstupste, klingelte eine Glocke im Inneren. Ein Spielzeug, ganz für sie allein.

Osterhasen gibt es eben doch!

 

Text und Foto: Susanne Sommerfeld