abc.etüden – 04/05-2020 – Nr. 2

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt nun meine 2. Etüde für die Textwochen 4 und 5, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von OnlyBatsCanHang gespendet.

Manchmal nennt mich mein Dosenöffner Papiertiger, wenn ich wieder einmal die Krallen ausfahre, aber der irrt sich mächtig. Ich mag niedlich aussehen, trotz alledem steckt etwas Großes in mir. Das weiß meine Schwester auch und lässt mir stets den Vortritt am Futternapf.
Die Tage plätschern mitunter vor sich hin, aber als Katze, Entschuldigung, ich meine als Tiger, kann man es sich gutgehen lassen und solche Momente einfach verschlafen.
Meine Schwester meinte einmal zu mir, unser Leben sei belanglos, da wir keine Aufgabe hätten. Da hat sie sich aber einen Pfotenhieb von mir eingefangen. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, den Dosenöffner immer auf Trab zu halten, damit wir rund um die Uhr mit bestem Futter, weichen Decken und Spielzeug bei Laune gehalten werden. So ein Katzenleben ist doch die Krönung.
Ich bemitleide meine Mitkatzen, die genötigt sind, sich ihre Nahrung selbst zu fangen. Ich muss nur einmal mauzen und schon wendet sich der Dosenöffner mir zu, fragt, ob ich etwas zu fressen möchte oder er mir den Wasserhahn aufdrehen soll. Wer sagt da noch, unser Leben wäre belanglos? Was würde der arme Dosenöffner denn ohne uns machen? Dann hätte sein Leben doch gar keinen Sinn.

(194 Wörter)

 

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Text: Susanne Sommerfeld

Fotos: Uta Wentzke

abc.etüden – 04/05-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt nun meine Etüde für die Textwochen 4 und 5, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von OnlyBatsCanHang gespendet.

 

Im Hintergrund plätscherte der Shannon und der Duft nach Regen lag in der Luft. Aileen stand am Grab ihrer Großmutter und legte einen Papiertiger auf das keltische Kreuz. Großmutter hatte Origami geliebt und der Tiger war ihr liebstes Motiv gewesen.
»Für dich, Maimeó«, flüsterte sie.
Jeden Tag kam sie zum Friedhof. Seit ihre Großmutter vor zwei Jahren gestorben war, hatte sie niemanden mehr, dem sie ihre Gedanken mitteilen konnte. Ihre Eltern arbeiteten viel und hart. In den wenigen Momenten, die sie mit ihr verbrachten, wollte sie sie nicht mit ihren Problemen belasten. Es gab Dinge, die sie nicht einmal ihrer besten Freundin Bridget erzählen würde.
»Maimeó, ich vermisse dich so. Warum hast du mich allein hier zurückgelassen?«
Der Kies knirschte, als sich hinter ihr jemand näherte.
»Grüß dich, Aileen.«
Aileen blieb wie versteinert stehen und wagte nicht, sich zu bewegen. Sie kannte die Stimme. Jede Nacht in ihren Träumen sprach ein Mann zu ihr, dessen Gesicht sie nie sah. Und dies war seine Stimme. Wie war das möglich? Sie kniff sich in den Unterarm. Dieses Mal träumte sie nicht.
»Aileen, sieh mich an.«
Sie wollte den Mann nicht ansehen, aber sie spürte einen Sog, dem sie sich nicht entziehen konnte. Langsam drehte sie sich um und blickte in das Gesicht des Mannes aus ihren Träumen.
Auf einmal war alles belanglos, alle Sorgen und Nöte wie weggewischt. Sie starrte in seine tiefblauen Augen und sah darin ihre geliebte Maimeó.
»Danke für den schönen Tiger, meine Liebe«, sagte ihre Großmutter und winkte ihr zu.
Nach ein paar Minuten war der Spuk vorbei und sie war wieder allein. Als sich Aileen zum Grab umdrehte, bemerkte sie, dass auch der Papiertiger verschwunden war. Und zum ersten Mal seit Monaten lächelte sie.

(287 Wörter)

 

Text: Susanne Sommerfeld