Ida und Jacob (Teil 2 der Kurzgeschichte)

Leseratte Liesel_1

 

Hier folgt der zweite Teil der Geschichte um Ida und Jacob. Den ersten Teil findet ihr hier: Markttag (Ida und Jacob – Teil 1).

 

Ida und Jacob – Zweiter Teil

 

Jacob wusste nicht, welche Schmerzen ihn mehr quälten. Sein Kopf dröhnte, als hätte er ihn gegen eine Wand geschlagen und sein linkes Bein sendete im Wechsel pochende und stechende Signale aus. Dazu kam diese Hitze, die ihn von innen zu verbrennen drohte. Etwas Nasses und angenehm Kühles berührte sein Gesicht. Er öffnete die Augen, aber das eindringende Licht schmerzte, so dass er sie schnell wieder schloss.

„Ida?“, krächzte er.

Er verspürte einen quälenden Durst. Mühsam versuchte er, sich aufzusetzen.

„Bitte bleiben Sie liegen. Sie sind sehr krank und brauchen Ruhe.“

Die Frau, die sich als Schwester Martha vorstellte, drückte ihn sanft zurück auf sein Kissen.

„Wo ist Ida?“

„Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen.“

Jacob seufzte. Was war passiert und wie lange lag er schon hier? Und warum musste er immer an ein Mädchen namens Ida denken?

„Ich komme später wieder. Bitte versuchen Sie zu schlafen. Schlaf ist die beste Medizin“, sagte Martha und erhob sich.

„Was ist passiert?“, fragte er und öffnete erneut vorsichtig die Augen.

„Das müssen Sie mit dem Doktor besprechen. Er kommt am Nachmittag zu Ihnen.“

Bevor Jacob etwas erwidern konnte, war sie bereits davongeeilt. Er hob den Kopf, um sich im Schlafsaal umzuschauen. Nur wenige Betten waren im Moment belegt. Eine Reihe weiter saß ein kleines Mädchen auf der Bettkante und ließ gelangweilt die Beine baumeln. Als sie Jacobs Blick bemerkte, lächelte sie zaghaft. Sie sprang vom Bett und kam näher.

„Sind Sie sehr krank?“, fragte sie und zeigte auf sein dick verbundenes Bein.

„Ja, ich denke schon. Aber ich hoffe, dass ich bald wieder gesund bin. Was machst du hier?“

„Meine Lunge ist krank. Das kommt wohl von der feuchten kalten Luft in unserem Haus, sagt der Doktor.“

Kaum hatte das Mädchen den Satz ausgesprochen, wurde sie von einem heftigen Hustenanfall überwältigt. Jacob rief nach Schwester Martha, aber niemand kam. Er beugte sich vor und zog die Kleine auf sein Bett. Behutsam nahm er sie in den Arm, um sie zu beruhigen. Nach etlichen Minuten entspannte sich das Mädchen und atmete ruhiger.

„Danke“, flüsterte sie. „Wie heißt du?“

„Ich bin Jacob und wer bist du?“

„Marie. Ich bin schon fünf.“

Jacob lächelte und strich der Kleinen über den Kopf. Etwas an dem Blick des Mädchens erinnerte ihn an Ida. Warum spukte dieser Name permanent in seinem Gedächtnis herum? Er war sich sicher, dass das nicht am Fieber lag. Die Erinnerungen an die letzten Tage – oder gar Wochen? – waren wie ausgelöscht, aber er wusste, dass alles mit einem Mädchen namens Ida zusammenhing. Er musste sie finden.

***

Idas Mutter zeterte und schimpfte, während sie mit dem Holzlöffel den Eintopf umrührte. Diese Litanei kannte Ida bereits auswendig. Sie mühte sich weiterhin damit ab, wärmende Socken für ihre jüngeren Geschwister zu stricken. Handarbeit war ihr noch nie leicht gefallen, aber nach dem letzten Gang zum Markt war ihre diese Arbeit aufgebürdet worden. Ida war froh, dass sie keine Prügel bezogen hatte, weil sie nichts verkauft hatte. Sie erzählte ihrer Mutter, sie sei ausgeraubt worden, aber die hatte ihr kein Wort geglaubt. Ida war nie gut darin gewesen, andere zu belügen. Darum saß sie jetzt auf dem harten Schemel und quälte sich Masche um Masche.

Nach einer Weile schweiften ihre Gedanken ab. Jacob verfolgte sie sogar in ihre Träume. Wieder und wieder durchlebte sie nachts das Feuer und manchmal spürte sie nach dem Aufwachen den Geschmack von Rauch im Mund. Dann sah sie Jacobs blaue Augen vor sich und die Angst versiegte. Was war mit ihm geschehen? Sein Bein hatte furchtbar ausgesehen und sie wusste nur zu genau, dass eine solche Verletzung leicht den Tod bringen konnte. Seit Wochen schon suchte Ida nach einem Vorwand, um das Haus zu verlassen und ihn zu suchen, aber ihre Mutter wachte über sie wie ein Schatten.

„Hörst du mir überhaupt zu?“

Ida schreckte aus ihren Tagträumen auf. Die Mutter versetzte ihr einen leichten Klaps auf den Hinterkopf.

„Ich habe dich gebeten, heute Marie zu besuchen und ihr eine Schüssel Essen mitzubringen. Sie isst doch so gern Suppe.“

Ida horchte auf. Ihre Mutter ließ sie endlich aus dem Haus. Das war die Gelegenheit. Marie lag seit Wochen mit einem grauenhaften Husten im Krankenhaus und bis jetzt hatte keine Behandlung angeschlagen. Vielleicht traf sie Jacobs Mutter am Fluss oder jemand im Krankenhaus hatte etwas von ihm gehört. Ihr Herz pochte bis zum Hals und sie legte das Strickzeug beiseite. Sie durfte sich nichts von ihrer Aufregung anmerken lassen, ehe es sich die Mutter noch anders überlegte. Zum Glück hatte sie ihr die Geschichte von Jacob nicht erzählt. Dann hätte sie wohl das Haus erst wieder verlassen dürfen, wenn sie erwachsen und verheiratet wäre.

Am liebsten wäre Ida den ganzen Weg bis zum Krankenhaus gerannt, doch dann hätte Marie keinen Tropfen Suppe mehr im Topf vorgefunden. Der Frühling war eingekehrt und die Feuerstelle am Fluss war verwaist. Suchend blickte sich Ida um, von Jacobs Mutter war jedoch nichts zu sehen. Eilig lief sie weiter in Richtung Krankenhaus. Ida stand eine Weile vor dem grauen Gebäudekoloss, der eine Renovierung gut gebrauchen hätte können. Der Putz blätterte bereits von der Fassade. Etliche Scheiben waren zerstört. Doch niemand machte sich die Mühe, daran etwas zu ändern. Hier wurden die armen Menschen behandelt und kein Arzt von hervorragendem Ruf würde freiwillig eine Stelle an diesem Ort antreten. Idas sehnlichster Wunsch war es, Krankenschwester zu werden, aber sie durfte nicht einmal regelmäßig zur Schule gehen. Wenn ihre Mutter Hilfe brauchte, musste sie daheim bleiben.

Ein wenig widerwillig betrat sie das Gebäude. Sofort umhüllte sie der Geruch nach Krankheit und Tod, ein süßlicher Duft, der Erinnerungen an den Tod ihres Großvaters hervorrief. Doch ans Sterben wollte sie jetzt nicht denken. Ihre kleine Schwester würde wieder gesund werden. Schließlich hatte sie ihr ganzes Leben noch vor sich.

„Wo finde ich denn meine Schwester Marie?“, fragte sie eine Krankenschwester, die damit beschäftigt war, einem Patienten den Kopfverband zu wechseln. Ida versuchte, nicht auf die klaffende Wunde zu schauen, die sich an den Rändern bereits schwarz verfärbt hatte. Wundbrand nannte man das. Das war es auch, was ihren Großvater das Leben gekostet hatte. Die Schwester wies mit dem Kopf nach rechts. Ida betrat den Schlafsaal. Hinten am Fenster sah sie ihre Schwester auf dem Bett sitzen und neben sich einen jungen Mann, dem sie gerade eifrig etwas erzählte. Ida lächelte. Marie schien es besser zu gehen.

***

Die Kleine war bezaubernd. Sie erzählte ihm von ihrer Familie und davon, dass sie und ihre Geschwister mit der Mutter allein lebten.

„Seit Vater nicht mehr da ist, muss meine große Schwester immer auf den Markt gehen. Wir haben nämlich Hühner und Schweine, weißt du? Du würdest meine Schwester mögen. Ida …“

In diesem Moment bemerkte Jacob, dass jemand den Saal betreten hatte und direkt auf sie zukam. Marie drehte sich ebenfalls herum.

„Ida, Ida, endlich kommst du mich besuchen.“

Marie sprang auf und stürzte auf ihre Schwester zu. Diese konnte gerade noch rechtzeitig den Topf auf den Boden stellen, um Marie zu umarmen. Jacob war sprachlos. Das Mädchen war seine Ida.

***

Ida reichte ihrer Schwester die Suppe. Dabei vermied sie es, den jungen Mann anzusehen, der sich jetzt näherte. Sie hatte ihn sofort erkannt.

„Lass es dir schmecken, Marie. Es ist dein Lieblingseintopf. Aber iss langsam.“

Marie setzte sich wieder auf das Bett und löffelte gierig ihre Suppe. Ida sah, dass die Kleine sie dabei neugierig beobachtete.

„Du bist doch Ida, die Ida, die mich aus der brennenden Fabrik gerettet hat?“, fragte Jacob.

Ida nickte. Er war nur noch eine Armlänge von ihr entfernt. Ihr Herz überschlug sich beinahe, als Jacob ihre Hand ergriff.

„Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll. Wenn du nicht gewesen wärst, dann …“

Seine Stimme versagte und Ida spürte, dass er die Tränen zu unterdrücken versuchte. Noch immer hielt er ihre Hand und sie wünschte, er würde sie nicht mehr loslassen.

„Wie geht es dir denn?“, fragte sie ihn.

„Es ging mir schon besser, aber ich glaube, ich bin nochmal davongekommen. Etwas Fieber noch, aber mein Bein wird hoffentlich wieder vollständig heilen.“

„Die Suppe war wirklich gut. Danke, Ida“, sagte Marie und reichte ihrer Schwester den Topf. Nun war Jacob gezwungen, Idas Hand loszulassen. Ida spürte, dass ihm dies genauso widerstrebte wie ihr.

„Werden wir uns wiedersehen, Ida?“

Jacobs Blick war so eindringlich, dass Ida das Gefühl hatte, er könne ihre Gedanken lesen. Marie kicherte leise.

„Wie lange wollt ihr euch noch so anstarren?“

„Ich komme so bald wie möglich wieder“, sagte Ida und drückte ihrer Schwester zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Dann drehte sie sich um und verließ den Saal, bevor Jacob ihr hochrotes Gesicht sehen konnte.

 

Fortsetzung folgt …

 

Text: Susanne Sommerfeld

Markttag (Kurzgeschichte)

Leseratte Liesel_1

Leseratte Liesel von Steiff*

Markttag

Ida konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so kalten Winter erlebt zu haben. Sie war dankbar für den Wollschal, auch wenn dieser unangenehm am Hals kratzte. Er schützte sie vor dem eisigen Wind. Da sie keine Handschuhe besaß, vergrub sie die Hände in den Taschen ihres Mantels, den bereits ihre Mutter als Kind getragen hatte. Ida hegte den Verdacht, dass er sogar schon ihrer Großmutter gehört hatte, so fadenscheinig wie der Stoff an einigen Stellen war. Doch sie jammerte nicht darüber. Sie hatte es nicht einmal gewagt, sich zu beschweren, als sie an einem eisigen Januartag ohne Strümpfe den Weg zum Markt zurücklegen musste. Seit der Vater gestorben war, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden. Das war auch der Grund, warum Ida nicht mehr die Schule besuchte. Ihre Mutter war den ganzen Tag daheim bei den kleinen Geschwistern und Ida war dafür zuständig, Geld hereinzubringen.

Heute war Markttag in der großen Stadt und viele Menschen strömten dorthin. Die meisten kamen aus den umliegenden Dörfern, um den Städtern ihre Waren anzubieten. Ida freute sich über das emsige Treiben und die Möglichkeit, der engen Hütte ihrer Familie wenigstens für einige Stunden zu entkommen. Die Menschen waren ganz anders als in ihrem Dorf. Das Leben schien bequemer zu sein. Aber wenn man genau hinschaute, gab es hier genauso viel Armut. Die Armen wurden einfach an den Rand der Stadt gedrängt, wo sie das Bild des geputzten Marktplatzes nicht störten.

Ida trat an ein Feuer, um das sich bereits einige Obdachlose geschart hatten. Vorsichtig streckte sie ihre Hände nach der Wärme aus und seufzte.

„Na, Mädchen, was treibt dich in die Stadt? Das ist doch kein Platz für ein anständiges Kind.“

Die alte Frau betrachtete Ida neugierig. Ihre Finger waren verkrüppelt und das Gesicht von zahlreichen Falten durchzogen. Ihre Kleidung war abgetragen, aber sauber.

„Ich bin aus dem Nachbardorf und bringe Eier und Fleisch auf den Markt.“

Die Alte leckte sich über die Lippen. Ida ahnte, welchen Hunger sie haben musste. Wenn ihre Mutter erfuhr, dass sie das Wenige, was sie zu verkaufen hatten, an fremde Menschen verschenkte, würde sie ihr eine Tracht Prügel erteilen. Ida griff in ihre Tasche und gab der alten Frau zwei Eier. Sie konnte nicht anders.

„Aber nicht doch, Kindchen. Das kann ich nicht annehmen“, sagte die Alte. Gleichzeitig steckte sie die Eier in ihre Schürzentasche.

„Feuer! Feuer!“

Ida fuhr herum und starrte verwirrt auf das Bild, das sich ihr bot. Aus dem Dachstuhl der Fischfabrik unten am Ufer des Flusses schlugen Flammen und schwarzer Qualm drang aus den Fenstern. Schreiende Menschen flüchteten aus dem Gebäude. Ein Mann, dessen Kleidung Feuer gefangen hatte, wälzte sich im Schnee. Einige Menschen hatten sich mit Eimern bewaffnet, die sie immer wieder unten am Fluss auffüllten.

„Oh, du meine Güte!“, wimmerte die alte Frau. „Mein Enkel! Mein Jacob!“

„Aber was ist denn?“, fragte Ida.

„Der arbeitet dort unten“, mischte sich einer der Obdachlosen ein.

Ida reichte der alten Frau ihre Tasche und eilte hinunter zum Fabrikgebäude. Mehrmals rutschte sie auf dem vereisten Boden aus, rappelte sich wieder auf und rannte weiter. Das Gebäude brannte bereits zur Hälfte. Die Helfer hatten mittlerweile eine Kette bis zum Flussufer hinunter gebildet und reichten eifrig Wassereimer für Wassereimer weiter.

„Hat einer von euch Jacob gesehen?“

Ida rannte von einem Mann zum nächsten, aber diese beachteten sie entweder gar nicht oder schüttelten nur kurz den Kopf.

„Jacob! Jacob! Wo bist du?“

Ida hastete auf den Gebäudeeingang zu.

„Bist du verrückt, Mädchen? Du wirst doch nicht etwa dort hineinlaufen wollen?“

Ida blieb stehen und drehte sich um. Einer der Fabrikarbeiter stand hinter ihr und blickte sie verständnislos an. Sein Gesicht war schwarz verfärbt vom Rauch, an den Händen hatte er einige Brandblasen.

„Dort kommt keiner mehr raus.“

„Aber ich suche Jacob. Haben Sie ihn gesehen?“

Als der Mann ihr nicht antwortete, drehte sich Ida zurück und rannte in den Hausflur hinein. Sie hörte noch, wie der Mann ihr etwas hinterherrief, dann war sie schon von beißendem Qualm umgeben. Hustend zog sie ihren Schal vor das Gesicht.

„Jacob! Jacob!“, schrie sie immer wieder, auch wenn der Qualm ihr die Luft nahm. Lange würde sie es hier drin nicht aushalten. Sie wusste, dass dieser Rauch giftig war und sie das Leben kosten konnte. Doch sie wollte es wenigstens versucht haben. Noch nie hatte sie etwas Derartiges gemacht. Sie war kein mutiger Mensch. Sie hätte nicht sagen können, warum sie wegen eines ihr unbekannten Mannes solch ein Risiko auf sich nahm. Es war wie ein innerer Drang, der sie vorwärts zwang. Plötzlich hörte sie ein Stöhnen, das in ein bellendes Husten überging. In einer Ecke wälzte sich ein Mann auf dem Boden. Sie sah, dass sein linkes Bein stark blutete.

„Jacob?“

Der junge Mann öffnete die Augen und blickte sie an. Ida konnte kaum glauben, wie blau diese Augen waren. Ihr wurde schwindlig.

„Ich helfe dir. Komm hoch, ich stütze dich“, sagte sie.

„Ich kann nicht … Schmerzen … zu groß …“

„Jacob, hör zu. Wir müssen hier schnell raus. Das Feuer breitet sich immer weiter aus.“

„Wer bist du?“

Doch Ida antwortete ihm nicht. Stattdessen zog sie ihn mühsam hoch und stützte ihn, während er auf einem Bein neben ihr her hüpfte. Hinter sich hörte sie bereits Dachbalken einstürzen. Das Feuer zischte und fauchte wie ein wütender Drache.

Als sie es endlich geschafft hatten, das Gebäude zu verlassen, ließ Ida Jacob zu Boden gleiten. Erschöpft setzte sie sich neben ihn. Sofort scharten sich die Schaulustigen um sie.

„Lasst mich durch. Ich kann helfen.“

Eine Hand legte sich auf Idas Schulter. Ein älterer Mann beugte sich zu ihr und stellte eine Arzttasche in den Schnee.

„Geht es dir gut?“

Ida nickte kraftlos und wies auf Jacob.

„Er braucht Hilfe. Sein Bein ist verletzt.“

Ida stand auf und lief zum Flussufer. Sie schaute hinüber zu der großen Stadt, die sich hinter dunstigem Nebel zu verstecken versuchte. Der Wind pfiff unerbittlich und sie zog den nach Rauch stinkenden Schal enger um ihren Hals. Der Markttag war vorbei. Ida hatte keine Möglichkeit, die Eier und das Fleisch noch zu einem anständigen Preis zu verkaufen. Da konnte sie es auch gleich an die Obdachlosen verschenken. Was aber würde ihre Mutter heute Abend sagen, wenn sie bemerkte, dass Ida keinen einzigen Franken heimgebracht hatte?

Der Arzt hatte Jacobs Bein geschient und verbunden. Jacob lag auf einem Schlitten unter wärmenden Decken. Dennoch schlotterte er am ganzen Körper.

„Keine Angst, junge Dame. Das ist der Schock. Er wird wieder gesund. Das hat er allein Ihnen zu verdanken“, sagte der Arzt und reichte ihr die Hand zum Abschied.

„Wo bringen Sie ihn denn hin?“, fragte Ida.

„Ins Lazarett am Rande der Stadt. Sein Bein braucht jetzt Ruhe, damit es wieder heilt. Dann wird er hoffentlich wieder genauso laufen können wie vorher.“

„Danke“, flüsterte Jacob und streckte den Arm in Idas Richtung.

Ida nahm seine Hand in ihre. Erneut war sie fasziniert von der Farbe seiner Augen.

„Wie heißt du?“

„Ida, ich heiße Ida.“

Der Schlitten setzte sich in Gang und Ida war gezwungen, Jacobs Hand loslassen.

„Wir sehen uns wieder, Ida.“

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

* Diese putzige Leseratte von Steiff namens Liesel ist ein Sonderexemplar zum 100. Geburtstag von Thalia und begleitet mich ab sofort durch den Blog, wenn es um Beiträge zu Büchern oder um meine bescheidenen Schreibversuche geht.