Prinzesschens Urlaub

Etwas Unheimliches ging im Hause Mayer vor sich. Prinzesschen streckte die Nase in die Luft und roch Nervosität und Vorfreude. Was würde wohl auf sie zukommen? Frau Mayer war die Aufregung im Gesicht anzusehen. Seit Tagen schon wuselte sie im Haus herum und summte dabei vor sich hin.
Gerade kam sie mit einem furchteinflößenden Gegenstand aus dem Keller gestapft und stellte ihn im Wohnzimmer ab. Prinzesschen sprang von der Fensterbank und machte einen Buckel. Ihr Fell sträubte sich und ließ sie größer erscheinen, als sie mit ihren krummen Beinchen war.
Sicherheitshalber fauchte sie das Ungetüm an, um ihm zu zeigen, wer hier die Katze im Hause war. Doch das Monster ließ sich nicht beeindrucken und blieb ungerührt von ihrem Gebaren stehen. Vorsichtig näherte sich Prinzesschen dem Ding und schnupperte daran.
»Na, meine Kleine, hast du dich schon mit dem Koffer angefreundet?«, fragte Frau Mayer und streichelte ihr über den Kopf. Prinzesschen antwortete mit einem leisen »Miau« und schnupperte an dem Objekt namens »Koffer«.
»Du kannst leider nicht mit uns in den Urlaub kommen. Aber dich erwartet dein eigenes Abenteuer.«
»Urlaub«. Noch ein neues Wort.
Erneut kam Frau Mayer ins Wohnzimmer, dieses Mal mit einem Gegenstand, den Prinzesschen zutiefst verabscheute. Oh, nein, nicht zum Tierarzt, bitte nicht! Prinzesschen wich zurück und legte die Ohren an. Frau Mayer lachte.
»Nein, Prinzesschen, keine Angst. Kein Tierarzt. Du darfst deinen Urlaub in der besten Tierpension der Stadt verbringen.«
Prinzesschen spitzte die Ohren. Was war denn eine Tierpension? Und warum fuhren die Mayers ohne sie in den Urlaub?

»Urlaub? Koffer? Tierpension?«, fragte Anton.
»Los, sag schon. Hast du eine Ahnung, was mir bevorsteht?«
Der rote Kater schaute sie mit einem mitfühlenden Blick an und nickte.
»Ich bin jedes Jahr im Sommer für längere Zeit dort, was deine Menschen Tierpension nennen. Sie nennen es Urlaub, für mich ist es schlimmer als der Tierarztbesuch. Stell dir vor, ich bekomme da viel zu wenig zu fressen.«

»Miez, Miez, nun komm doch da raus«, flehte Frau Mayer, die mit hochrotem Kopf unter das Bett schaute und mit ein paar Wurststückchen wedelte.
Prinzesschen hatte sich in die hinterste Ecke gequetscht. Von so ein paar Leckereien würde sie sich nicht bestechen lassen. Anton hatte ihr in den dunkelsten Farben seine Erlebnisse in der Tierpension ausgemalt. Sie hatte überhaupt keine Lust auf »Urlaub«.
»Helmut, nun mach doch mal was!«, rief Frau Mayer entnervt in Richtung Badezimmer.
Doch Herr Mayer konnte nichts ausrichten. Prinzesschen blieb unter dem Bett hocken. Sollten die Mayers doch in den Urlaub fahren. Sie würde hier auch alleine zurechtkommen.
Sie war nur eine Sekunde weggenickt, – länger konnte es nicht gewesen sein – als sie eine Hand an ihrem Hals spürte. Noch bevor Prinzesschen entwischen konnte, hatte Frau Mayer sie schon ergriffen und bugsierte sie trotz heftiger Gegenwehr in die verhasste Transportbox. Verflixt!

Hier roch alles so fremd, nach anderen Katzen und zu allem Überfluss auch nach Hunden. Und dann erst diese Geräuschkulisse! Dem Gekläffe nach zu urteilen, mussten hier Hunderte davon leben. Das sollte der viel beschworene »Urlaub« sein?
Frau Mayer setzte die Transportbox ab und öffnete die Tür.
»Prinzesschen, schau mal, wie schön es hier ist. Und neue Freunde hast du hier auch.«
Neue Freunde? Sie hatte in ihrem Zuhause genügend. Wozu brauchte sie neue?
Vorsichtig streckte sie den Kopf aus der Box. Ein schwarz-weißer Kater saß am Fenster und ignorierte sie.

»Hey, wer bist du denn?«
Prinzesschen fauchte erschrocken, als sich die getigerte Schönheit vor ihr aufbaute. Eine solch große Katze hatte sie noch nie gesehen. Anton war nichts dagegen. Das war doch nicht etwa ein echter Tiger, so einer, wie sie ihn letztens im Fernsehen bewundert hatte? Sie drehte sich nach Frau Mayer um, aber diese war bereits gegangen. Hilfe war nicht zu erwarten.
»Na, hat es dir die Sprache verschlagen? Das ist nicht besonders höflich, weißt du?«
Prinzesschen setzte sich aufrecht hin und hoffte, dadurch etwas größer zu wirken.
»Ich bin Prinzesschen. Und du?«
Die Tigerin prustete vor Lachen.
»Prinzesschen? Das ist wirklich dein Name?«
»Was ist bitte daran so lustig?«
»Ach, vergiss es. Nicht so wichtig. Mein Name ist Sidonie von der Villa Waldesruh.«
Und die macht sich über meinen Namen lustig, dachte Prinzesschen.

Der Urlaub war gar nicht so übel. Entgegen ihren Befürchtungen bekam sie hier genügend zu fressen und die Dosenöffner waren freundlich und verteilten jede Menge Streicheleinheiten. Sidonie entpuppte sich als wunderbare Spielkameradin, nur Rudolph, der schwarz-weiße Kater, saß lieber am Fenster und starrte hinaus. Er hätte Heimweh, so nannte es Sidonie.

»Prinzesschen, wach auf.«
Prinzesschen knurrte leise. Sie träumte gerade von ihrer Familie und wollte nicht geweckt werden.
»Nun, komm schon. Deine Familie ist zurück.«
Prinzesschen spitzte die Ohren. Was hatte Sidonie da gesagt? Mit einem Satz war sie aufgesprungen und drückte ihre Nase dicht ans Fenster. Und da waren sie, Frau und Herr Mayer, und sogar Franzi war dabei.

»Meine Kleine, wir sind wieder zurück.«
Schnurrend strich Prinzesschen um die Beine ihrer Familie. Zum Abschied nickte Sidonie ihr zu.
»Mach’s gut, Prinzesschen, bis zum nächsten Mal.«

 

 

Text: Susanne Sommerfeld

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Versöhnung

Liebe Leserinnen und Leser,

im gestrigen Beitrag (Schreiben unter freiem Himmel) hatte ich euch geschrieben, dass eine der Aufgaben lautete, aus 8 Stichwörtern (2 pro Teilnehmer) eine kurze Geschichte zu schreiben. Hier mein (heute leicht bearbeiteter) Beitrag. Die Stichworte waren: Trockenheit, Biergartenatmosphäre, Natur, Störung, bewegen, entspannen, Mutterliebe, ewige Liebe. An manchen Stellen habe ich die Worte leicht abgewandelt.

Was sagt ihr zum Ergebnis?

 

Tanjas Magen krampfte sich zusammen, als sie die Worte ihrer Mutter am Telefon vernahm. Schon immer hatte diese ihre Schwester Verena vorgezogen. War das etwa Mutterliebe?
„Bei Verenas Hochzeit warst du doch auch dabei. Warum kommst du nicht zu meiner?“
Ihre Mutter seufzte. Wie Tanja diese Seufzer hasste. Sie steckten voller Vorwürfe. Als wäre sie eine ständige Belastung.
„Warum musstest du auch nach Amerika auswandern? Hättest du deine ewige Liebe nicht auch hier finden können?“
Tanja legte auf. Dieses Gespräch war sinnlos. Mit Mühe unterdrückte sie die Tränen. Sie musste jetzt raus in die Natur. Allein dort war es ihr möglich, sich zu entspannen.

 

Sie nahm den Autoschlüssel vom Haken und stieg in ihren Wagen. Kurz überlegte sie, ob sie Matthew anrufen sollte. Nein, ich störe ihn bloß bei der Arbeit, dachte sie. Es reicht, wenn er es heute Abend erfährt.
Niemand aus ihrer Familie würde bei der Hochzeit dabei sein. Verena stand auf Mutters Seite, wie immer. Ihr Vater hatte sich vor zwei Jahren mit einer jüngeren Frau aus dem Staub gemacht. Tanja brach den Kontakt zu ihm auf Wunsch ihrer Mutter daraufhin ab. Und trotzdem konnte sie ihr nichts recht machen. Den schönsten Tag ihres Lebens würde sie ohne ihre Familie verbringen.

 

Die Bewegung tat ihrem schmerzenden Kopf gut. Sie atmete tief durch. Der Geruch der Kiefern und des Waldbodens löste Erinnerungen an ihre Kindheit in Brandenburg aus. Nur, dass sie sich hier in einem Nationalpark in Amerika befand, wo jederzeit ein Bär oder Elch aus dem Gebüsch kommen konnte. Absolut still war es jetzt, keine störenden menschengemachten Geräusche waren zu vernehmen. Sie horchte in sich hinein und wusste, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, in Matthews Heimat auszuwandern. Ihre Familie war jetzt hier.

 

Ein Ast knackte und knirschte. Tanja zuckte zusammen. Mit einem dumpfen Plopp landete er nur einen Meter von ihr entfernt auf dem Pfad. Die wochenlange Trockenheit machte den Bäumen zu schaffen. Tanja überlegte, wann es zuletzt geregnet hatte, aber sie erinnerte sich nicht. Wer will den Klimawandel noch leugnen?, dachte sie. Sie wusste, dass es in diesem Sommer auch in ihrer Heimat verheerende Waldbrände gegeben hatte.
Was hatte ihre Mutter dazu gesagt? ‚Wir lassen uns doch davon nicht die Biergartenatmosphäre vermiesen.‘

 

Tanja trat den Rückweg an. Heute würde sie die Einladungen vorbereiten. Ihr Vater würde auch eine bekommen.

 

Text: Susanne Sommerfeld

Ida und Jacob (Teil 2 der Kurzgeschichte)

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Hier folgt der zweite Teil der Geschichte um Ida und Jacob. Den ersten Teil findet ihr hier: Markttag (Ida und Jacob – Teil 1).

 

Ida und Jacob – Zweiter Teil

 

Jacob wusste nicht, welche Schmerzen ihn mehr quälten. Sein Kopf dröhnte, als hätte er ihn gegen eine Wand geschlagen und sein linkes Bein sendete im Wechsel pochende und stechende Signale aus. Dazu kam diese Hitze, die ihn von innen zu verbrennen drohte. Etwas Nasses und angenehm Kühles berührte sein Gesicht. Er öffnete die Augen, aber das eindringende Licht schmerzte, so dass er sie schnell wieder schloss.

„Ida?“, krächzte er.

Er verspürte einen quälenden Durst. Mühsam versuchte er, sich aufzusetzen.

„Bitte bleiben Sie liegen. Sie sind sehr krank und brauchen Ruhe.“

Die Frau, die sich als Schwester Martha vorstellte, drückte ihn sanft zurück auf sein Kissen.

„Wo ist Ida?“

„Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen.“

Jacob seufzte. Was war passiert und wie lange lag er schon hier? Und warum musste er immer an ein Mädchen namens Ida denken?

„Ich komme später wieder. Bitte versuchen Sie zu schlafen. Schlaf ist die beste Medizin“, sagte Martha und erhob sich.

„Was ist passiert?“, fragte er und öffnete erneut vorsichtig die Augen.

„Das müssen Sie mit dem Doktor besprechen. Er kommt am Nachmittag zu Ihnen.“

Bevor Jacob etwas erwidern konnte, war sie bereits davongeeilt. Er hob den Kopf, um sich im Schlafsaal umzuschauen. Nur wenige Betten waren im Moment belegt. Eine Reihe weiter saß ein kleines Mädchen auf der Bettkante und ließ gelangweilt die Beine baumeln. Als sie Jacobs Blick bemerkte, lächelte sie zaghaft. Sie sprang vom Bett und kam näher.

„Sind Sie sehr krank?“, fragte sie und zeigte auf sein dick verbundenes Bein.

„Ja, ich denke schon. Aber ich hoffe, dass ich bald wieder gesund bin. Was machst du hier?“

„Meine Lunge ist krank. Das kommt wohl von der feuchten kalten Luft in unserem Haus, sagt der Doktor.“

Kaum hatte das Mädchen den Satz ausgesprochen, wurde sie von einem heftigen Hustenanfall überwältigt. Jacob rief nach Schwester Martha, aber niemand kam. Er beugte sich vor und zog die Kleine auf sein Bett. Behutsam nahm er sie in den Arm, um sie zu beruhigen. Nach etlichen Minuten entspannte sich das Mädchen und atmete ruhiger.

„Danke“, flüsterte sie. „Wie heißt du?“

„Ich bin Jacob und wer bist du?“

„Marie. Ich bin schon fünf.“

Jacob lächelte und strich der Kleinen über den Kopf. Etwas an dem Blick des Mädchens erinnerte ihn an Ida. Warum spukte dieser Name permanent in seinem Gedächtnis herum? Er war sich sicher, dass das nicht am Fieber lag. Die Erinnerungen an die letzten Tage – oder gar Wochen? – waren wie ausgelöscht, aber er wusste, dass alles mit einem Mädchen namens Ida zusammenhing. Er musste sie finden.

***

Idas Mutter zeterte und schimpfte, während sie mit dem Holzlöffel den Eintopf umrührte. Diese Litanei kannte Ida bereits auswendig. Sie mühte sich weiterhin damit ab, wärmende Socken für ihre jüngeren Geschwister zu stricken. Handarbeit war ihr noch nie leicht gefallen, aber nach dem letzten Gang zum Markt war ihre diese Arbeit aufgebürdet worden. Ida war froh, dass sie keine Prügel bezogen hatte, weil sie nichts verkauft hatte. Sie erzählte ihrer Mutter, sie sei ausgeraubt worden, aber die hatte ihr kein Wort geglaubt. Ida war nie gut darin gewesen, andere zu belügen. Darum saß sie jetzt auf dem harten Schemel und quälte sich Masche um Masche.

Nach einer Weile schweiften ihre Gedanken ab. Jacob verfolgte sie sogar in ihre Träume. Wieder und wieder durchlebte sie nachts das Feuer und manchmal spürte sie nach dem Aufwachen den Geschmack von Rauch im Mund. Dann sah sie Jacobs blaue Augen vor sich und die Angst versiegte. Was war mit ihm geschehen? Sein Bein hatte furchtbar ausgesehen und sie wusste nur zu genau, dass eine solche Verletzung leicht den Tod bringen konnte. Seit Wochen schon suchte Ida nach einem Vorwand, um das Haus zu verlassen und ihn zu suchen, aber ihre Mutter wachte über sie wie ein Schatten.

„Hörst du mir überhaupt zu?“

Ida schreckte aus ihren Tagträumen auf. Die Mutter versetzte ihr einen leichten Klaps auf den Hinterkopf.

„Ich habe dich gebeten, heute Marie zu besuchen und ihr eine Schüssel Essen mitzubringen. Sie isst doch so gern Suppe.“

Ida horchte auf. Ihre Mutter ließ sie endlich aus dem Haus. Das war die Gelegenheit. Marie lag seit Wochen mit einem grauenhaften Husten im Krankenhaus und bis jetzt hatte keine Behandlung angeschlagen. Vielleicht traf sie Jacobs Mutter am Fluss oder jemand im Krankenhaus hatte etwas von ihm gehört. Ihr Herz pochte bis zum Hals und sie legte das Strickzeug beiseite. Sie durfte sich nichts von ihrer Aufregung anmerken lassen, ehe es sich die Mutter noch anders überlegte. Zum Glück hatte sie ihr die Geschichte von Jacob nicht erzählt. Dann hätte sie wohl das Haus erst wieder verlassen dürfen, wenn sie erwachsen und verheiratet wäre.

Am liebsten wäre Ida den ganzen Weg bis zum Krankenhaus gerannt, doch dann hätte Marie keinen Tropfen Suppe mehr im Topf vorgefunden. Der Frühling war eingekehrt und die Feuerstelle am Fluss war verwaist. Suchend blickte sich Ida um, von Jacobs Mutter war jedoch nichts zu sehen. Eilig lief sie weiter in Richtung Krankenhaus. Ida stand eine Weile vor dem grauen Gebäudekoloss, der eine Renovierung gut gebrauchen hätte können. Der Putz blätterte bereits von der Fassade. Etliche Scheiben waren zerstört. Doch niemand machte sich die Mühe, daran etwas zu ändern. Hier wurden die armen Menschen behandelt und kein Arzt von hervorragendem Ruf würde freiwillig eine Stelle an diesem Ort antreten. Idas sehnlichster Wunsch war es, Krankenschwester zu werden, aber sie durfte nicht einmal regelmäßig zur Schule gehen. Wenn ihre Mutter Hilfe brauchte, musste sie daheim bleiben.

Ein wenig widerwillig betrat sie das Gebäude. Sofort umhüllte sie der Geruch nach Krankheit und Tod, ein süßlicher Duft, der Erinnerungen an den Tod ihres Großvaters hervorrief. Doch ans Sterben wollte sie jetzt nicht denken. Ihre kleine Schwester würde wieder gesund werden. Schließlich hatte sie ihr ganzes Leben noch vor sich.

„Wo finde ich denn meine Schwester Marie?“, fragte sie eine Krankenschwester, die damit beschäftigt war, einem Patienten den Kopfverband zu wechseln. Ida versuchte, nicht auf die klaffende Wunde zu schauen, die sich an den Rändern bereits schwarz verfärbt hatte. Wundbrand nannte man das. Das war es auch, was ihren Großvater das Leben gekostet hatte. Die Schwester wies mit dem Kopf nach rechts. Ida betrat den Schlafsaal. Hinten am Fenster sah sie ihre Schwester auf dem Bett sitzen und neben sich einen jungen Mann, dem sie gerade eifrig etwas erzählte. Ida lächelte. Marie schien es besser zu gehen.

***

Die Kleine war bezaubernd. Sie erzählte ihm von ihrer Familie und davon, dass sie und ihre Geschwister mit der Mutter allein lebten.

„Seit Vater nicht mehr da ist, muss meine große Schwester immer auf den Markt gehen. Wir haben nämlich Hühner und Schweine, weißt du? Du würdest meine Schwester mögen. Ida …“

In diesem Moment bemerkte Jacob, dass jemand den Saal betreten hatte und direkt auf sie zukam. Marie drehte sich ebenfalls herum.

„Ida, Ida, endlich kommst du mich besuchen.“

Marie sprang auf und stürzte auf ihre Schwester zu. Diese konnte gerade noch rechtzeitig den Topf auf den Boden stellen, um Marie zu umarmen. Jacob war sprachlos. Das Mädchen war seine Ida.

***

Ida reichte ihrer Schwester die Suppe. Dabei vermied sie es, den jungen Mann anzusehen, der sich jetzt näherte. Sie hatte ihn sofort erkannt.

„Lass es dir schmecken, Marie. Es ist dein Lieblingseintopf. Aber iss langsam.“

Marie setzte sich wieder auf das Bett und löffelte gierig ihre Suppe. Ida sah, dass die Kleine sie dabei neugierig beobachtete.

„Du bist doch Ida, die Ida, die mich aus der brennenden Fabrik gerettet hat?“, fragte Jacob.

Ida nickte. Er war nur noch eine Armlänge von ihr entfernt. Ihr Herz überschlug sich beinahe, als Jacob ihre Hand ergriff.

„Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll. Wenn du nicht gewesen wärst, dann …“

Seine Stimme versagte und Ida spürte, dass er die Tränen zu unterdrücken versuchte. Noch immer hielt er ihre Hand und sie wünschte, er würde sie nicht mehr loslassen.

„Wie geht es dir denn?“, fragte sie ihn.

„Es ging mir schon besser, aber ich glaube, ich bin nochmal davongekommen. Etwas Fieber noch, aber mein Bein wird hoffentlich wieder vollständig heilen.“

„Die Suppe war wirklich gut. Danke, Ida“, sagte Marie und reichte ihrer Schwester den Topf. Nun war Jacob gezwungen, Idas Hand loszulassen. Ida spürte, dass ihm dies genauso widerstrebte wie ihr.

„Werden wir uns wiedersehen, Ida?“

Jacobs Blick war so eindringlich, dass Ida das Gefühl hatte, er könne ihre Gedanken lesen. Marie kicherte leise.

„Wie lange wollt ihr euch noch so anstarren?“

„Ich komme so bald wie möglich wieder“, sagte Ida und drückte ihrer Schwester zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Dann drehte sie sich um und verließ den Saal, bevor Jacob ihr hochrotes Gesicht sehen konnte.

 

Fortsetzung folgt …

 

Text: Susanne Sommerfeld

Markttag (Kurzgeschichte)

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Leseratte Liesel von Steiff*

Markttag

Ida konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so kalten Winter erlebt zu haben. Sie war dankbar für den Wollschal, auch wenn dieser unangenehm am Hals kratzte. Er schützte sie vor dem eisigen Wind. Da sie keine Handschuhe besaß, vergrub sie die Hände in den Taschen ihres Mantels, den bereits ihre Mutter als Kind getragen hatte. Ida hegte den Verdacht, dass er sogar schon ihrer Großmutter gehört hatte, so fadenscheinig wie der Stoff an einigen Stellen war. Doch sie jammerte nicht darüber. Sie hatte es nicht einmal gewagt, sich zu beschweren, als sie an einem eisigen Januartag ohne Strümpfe den Weg zum Markt zurücklegen musste. Seit der Vater gestorben war, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden. Das war auch der Grund, warum Ida nicht mehr die Schule besuchte. Ihre Mutter war den ganzen Tag daheim bei den kleinen Geschwistern und Ida war dafür zuständig, Geld hereinzubringen.

Heute war Markttag in der großen Stadt und viele Menschen strömten dorthin. Die meisten kamen aus den umliegenden Dörfern, um den Städtern ihre Waren anzubieten. Ida freute sich über das emsige Treiben und die Möglichkeit, der engen Hütte ihrer Familie wenigstens für einige Stunden zu entkommen. Die Menschen waren ganz anders als in ihrem Dorf. Das Leben schien bequemer zu sein. Aber wenn man genau hinschaute, gab es hier genauso viel Armut. Die Armen wurden einfach an den Rand der Stadt gedrängt, wo sie das Bild des geputzten Marktplatzes nicht störten.

Ida trat an ein Feuer, um das sich bereits einige Obdachlose geschart hatten. Vorsichtig streckte sie ihre Hände nach der Wärme aus und seufzte.

„Na, Mädchen, was treibt dich in die Stadt? Das ist doch kein Platz für ein anständiges Kind.“

Die alte Frau betrachtete Ida neugierig. Ihre Finger waren verkrüppelt und das Gesicht von zahlreichen Falten durchzogen. Ihre Kleidung war abgetragen, aber sauber.

„Ich bin aus dem Nachbardorf und bringe Eier und Fleisch auf den Markt.“

Die Alte leckte sich über die Lippen. Ida ahnte, welchen Hunger sie haben musste. Wenn ihre Mutter erfuhr, dass sie das Wenige, was sie zu verkaufen hatten, an fremde Menschen verschenkte, würde sie ihr eine Tracht Prügel erteilen. Ida griff in ihre Tasche und gab der alten Frau zwei Eier. Sie konnte nicht anders.

„Aber nicht doch, Kindchen. Das kann ich nicht annehmen“, sagte die Alte. Gleichzeitig steckte sie die Eier in ihre Schürzentasche.

„Feuer! Feuer!“

Ida fuhr herum und starrte verwirrt auf das Bild, das sich ihr bot. Aus dem Dachstuhl der Fischfabrik unten am Ufer des Flusses schlugen Flammen und schwarzer Qualm drang aus den Fenstern. Schreiende Menschen flüchteten aus dem Gebäude. Ein Mann, dessen Kleidung Feuer gefangen hatte, wälzte sich im Schnee. Einige Menschen hatten sich mit Eimern bewaffnet, die sie immer wieder unten am Fluss auffüllten.

„Oh, du meine Güte!“, wimmerte die alte Frau. „Mein Enkel! Mein Jacob!“

„Aber was ist denn?“, fragte Ida.

„Der arbeitet dort unten“, mischte sich einer der Obdachlosen ein.

Ida reichte der alten Frau ihre Tasche und eilte hinunter zum Fabrikgebäude. Mehrmals rutschte sie auf dem vereisten Boden aus, rappelte sich wieder auf und rannte weiter. Das Gebäude brannte bereits zur Hälfte. Die Helfer hatten mittlerweile eine Kette bis zum Flussufer hinunter gebildet und reichten eifrig Wassereimer für Wassereimer weiter.

„Hat einer von euch Jacob gesehen?“

Ida rannte von einem Mann zum nächsten, aber diese beachteten sie entweder gar nicht oder schüttelten nur kurz den Kopf.

„Jacob! Jacob! Wo bist du?“

Ida hastete auf den Gebäudeeingang zu.

„Bist du verrückt, Mädchen? Du wirst doch nicht etwa dort hineinlaufen wollen?“

Ida blieb stehen und drehte sich um. Einer der Fabrikarbeiter stand hinter ihr und blickte sie verständnislos an. Sein Gesicht war schwarz verfärbt vom Rauch, an den Händen hatte er einige Brandblasen.

„Dort kommt keiner mehr raus.“

„Aber ich suche Jacob. Haben Sie ihn gesehen?“

Als der Mann ihr nicht antwortete, drehte sich Ida zurück und rannte in den Hausflur hinein. Sie hörte noch, wie der Mann ihr etwas hinterherrief, dann war sie schon von beißendem Qualm umgeben. Hustend zog sie ihren Schal vor das Gesicht.

„Jacob! Jacob!“, schrie sie immer wieder, auch wenn der Qualm ihr die Luft nahm. Lange würde sie es hier drin nicht aushalten. Sie wusste, dass dieser Rauch giftig war und sie das Leben kosten konnte. Doch sie wollte es wenigstens versucht haben. Noch nie hatte sie etwas Derartiges gemacht. Sie war kein mutiger Mensch. Sie hätte nicht sagen können, warum sie wegen eines ihr unbekannten Mannes solch ein Risiko auf sich nahm. Es war wie ein innerer Drang, der sie vorwärts zwang. Plötzlich hörte sie ein Stöhnen, das in ein bellendes Husten überging. In einer Ecke wälzte sich ein Mann auf dem Boden. Sie sah, dass sein linkes Bein stark blutete.

„Jacob?“

Der junge Mann öffnete die Augen und blickte sie an. Ida konnte kaum glauben, wie blau diese Augen waren. Ihr wurde schwindlig.

„Ich helfe dir. Komm hoch, ich stütze dich“, sagte sie.

„Ich kann nicht … Schmerzen … zu groß …“

„Jacob, hör zu. Wir müssen hier schnell raus. Das Feuer breitet sich immer weiter aus.“

„Wer bist du?“

Doch Ida antwortete ihm nicht. Stattdessen zog sie ihn mühsam hoch und stützte ihn, während er auf einem Bein neben ihr her hüpfte. Hinter sich hörte sie bereits Dachbalken einstürzen. Das Feuer zischte und fauchte wie ein wütender Drache.

Als sie es endlich geschafft hatten, das Gebäude zu verlassen, ließ Ida Jacob zu Boden gleiten. Erschöpft setzte sie sich neben ihn. Sofort scharten sich die Schaulustigen um sie.

„Lasst mich durch. Ich kann helfen.“

Eine Hand legte sich auf Idas Schulter. Ein älterer Mann beugte sich zu ihr und stellte eine Arzttasche in den Schnee.

„Geht es dir gut?“

Ida nickte kraftlos und wies auf Jacob.

„Er braucht Hilfe. Sein Bein ist verletzt.“

Ida stand auf und lief zum Flussufer. Sie schaute hinüber zu der großen Stadt, die sich hinter dunstigem Nebel zu verstecken versuchte. Der Wind pfiff unerbittlich und sie zog den nach Rauch stinkenden Schal enger um ihren Hals. Der Markttag war vorbei. Ida hatte keine Möglichkeit, die Eier und das Fleisch noch zu einem anständigen Preis zu verkaufen. Da konnte sie es auch gleich an die Obdachlosen verschenken. Was aber würde ihre Mutter heute Abend sagen, wenn sie bemerkte, dass Ida keinen einzigen Franken heimgebracht hatte?

Der Arzt hatte Jacobs Bein geschient und verbunden. Jacob lag auf einem Schlitten unter wärmenden Decken. Dennoch schlotterte er am ganzen Körper.

„Keine Angst, junge Dame. Das ist der Schock. Er wird wieder gesund. Das hat er allein Ihnen zu verdanken“, sagte der Arzt und reichte ihr die Hand zum Abschied.

„Wo bringen Sie ihn denn hin?“, fragte Ida.

„Ins Lazarett am Rande der Stadt. Sein Bein braucht jetzt Ruhe, damit es wieder heilt. Dann wird er hoffentlich wieder genauso laufen können wie vorher.“

„Danke“, flüsterte Jacob und streckte den Arm in Idas Richtung.

Ida nahm seine Hand in ihre. Erneut war sie fasziniert von der Farbe seiner Augen.

„Wie heißt du?“

„Ida, ich heiße Ida.“

Der Schlitten setzte sich in Gang und Ida war gezwungen, Jacobs Hand loslassen.

„Wir sehen uns wieder, Ida.“

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

* Diese putzige Leseratte von Steiff namens Liesel ist ein Sonderexemplar zum 100. Geburtstag von Thalia und begleitet mich ab sofort durch den Blog, wenn es um Beiträge zu Büchern oder um meine bescheidenen Schreibversuche geht.

Prinzesschen und das Osterfest

Prinzesschen saß auf ihrem Lieblingsplatz, der Fensterbank in der Küche. Sehnsüchtig schaute sie in den Garten. Der Schnee war vor einigen Tagen endgültig geschmolzen und die ersten Schneeglöckchen begrüßten zaghaft den Frühling. Herr Mayer holte gerade die Morgenzeitung aus dem Briefkasten.
„Schau mal, Prinzesschen, welch herrliches Wetter heute ist“, rief er ihr vom Flur aus zu.
Prinzesschen lief ihm entgegen und sah, dass die Haustür noch immer offen stand. Herr Mayer lachte und zeigte mit dem Finger nach draußen.
„Geh doch mal raus und genieße die frische Luft. Aber pass mir mit der Straße auf.“
Dann scheuchte er sie förmlich aus dem Haus. Er konnte ja nicht ahnen, dass Prinzesschen längst wusste, wie es dort draußen aussah. Ihren Ausflug mit dem Weihnachtsmann und seinen Rentieren hatte sie nicht vergessen.

Erschrocken fauchte der rote Nachbarskater sie an, als sie auf einmal neben ihm am Vogelhaus auftauchte.
„Mit mir hast du nicht gerechnet, was?“
Da der Kater nicht antwortete, stellte sie ihm die nächste Frage: „Wie heißt du eigentlich?“
Er schaute recht verdattert, brachte dann aber stotternd hervor: „A… A… Anton. Bist du nicht Prinzesschen? Seit wann darfst du denn raus?“
„Das ist mein erster Tag. Magst du mir nicht ein wenig die Gegend zeigen?“

Und so kam es, dass Prinzesschen und Anton den ganzen Vormittag durch die Siedlung streiften. Anton wusste einiges über die Bewohner zu berichten. Er warnte sie auch vor Gefahren, zum Beispiel dem schlechtgelaunten Dackel in Nummer 32.
„Das Grundstück betrittst du besser gar nicht. Waldi ist nicht gut auf Katzen zu sprechen und wenn er dich erwischt, … Ach, denk besser gar nicht daran. Halte dich einfach fern von Nummer 32.“
Prinzesschen versuchte, sich alles zu merken, was Anton ihr berichtete, aber nach etlichen Gärten schwirrte ihr der Kopf. Das waren zu viele Informationen auf einmal.
„Du hör mal, Anton. Ich brauche eine Pause. Geh doch schon mal weiter. Ich lege mich hier ein wenig in die Sonne.“
„Na klar, wir sehen uns später.“
Prinzesschen sah dem Kater hinterher, der mit einiger Mühe versuchte, sein dickes Hinterteil durch eine Lücke im Gartenzaun zu quetschen. Dann legte sie sich an den Rand der schützenden Hecke und streckte die Beine von sich. Die Strahlen der Frühlingssonne wärmten ihren Pelz. Genüsslich schnurrend schloss sie die Augen. Die neu gewonnene Freiheit gefiel ihr, war aber auch anstrengend.

„Guck mal, Flitzi, die hat ja krumme Beine. Wetten, dass die nicht so schnell rennen kann wie wir?“
„Natürlich nicht, Mümmel, wie sollte sie auch? Wir können Haken schlagen. Das können diese Kratzbürsten zum Glück nicht.“
Prinzesschen wackelte mit den Ohren. Was war das für ein Gekicher? Sicher träumte sie noch. Auf einmal traf sie etwas am Kopf. Erschrocken sprang sie auf und fauchte.
„Oh, jetzt haben wir aber Angst.“
Prinzesschen blinzelte mehrmals, aber das Bild, was sich ihr bot, wollte einfach nicht verschwinden. Nur einen Meter von ihr entfernt saßen zwei Hasen und starrten sie an. Nun sah sie auch, was sie an den Kopf geworfen bekommen hatte, einen dicken Tannenzapfen. Die beiden Langohren stießen sich an, kicherten und hielten sich die Bäuche. Was waren das für alberne Wesen?
„Was gibt es denn da zu lachen?“
„Du solltest mal dein Gesicht sehen“, sagte der kleinere der beiden.
„Ja, du schaust ganz schön bedeppert aus der Wäsche“, erwiderte der andere.
Prinzesschen schnaubte und warf den Kopf in den Nacken. Sie hatte es wahrlich nicht nötig, sich von solch ein paar dahergelaufenen Hasen beleidigen zu lassen.
„Ach, nun schau einer an. Jetzt ist die Dame auch noch beleidigt. Hey, es tut uns leid. Wir haben einen harten Job und wollten auch mal unseren Spaß haben.“
„Harter Job? Was macht ihr denn?“, fragte Prinzesschen und ging einen Schritt auf die beiden zu.
„Wir sind Osterhasen. Hast du sicher schon mal gehört. Meine Freundin Flitzi und ich, Mümmel, müssen jedes Jahr dafür sorgen, dass die Kinder in den Gärten ihre Osternester gefüllt vorfinden. Sehr anstrengende Angelegenheit.“
Prinzesschen nickte beeindruckt.
„Da habt ihr ja noch einiges zu tun. Ist nicht diesen Sonntag schon Ostern?“
„Ja, pass nur auf, ob nicht auch in deinem Garten etwas zu finden ist.“
Noch bevor Prinzesschen eine weitere Frage stellen konnte, waren die beiden Hasen schon davongehoppelt.

„Na, hast du dich schön ausgeruht?“
Anton steckte den Kopf durch die Hecke und zwängte dann den Rest seines Körpers durch die Zweige.
„Du glaubst ja nicht, was ich gerade erlebt habe.“
„Hat dich das Eichhörnchen geärgert? Oder haben die Müllers ihren Kater rausgelassen?“
„Nein, viel besser. Zwei Osterhasen habe ich gesehen. Flitzi hieß der eine, Mümmel der andere.“
Anton schaute sie verdutzt an.
„Ich glaube, du hast zu lange in der Sonne gelegen. Du bist das ja auch gar nicht gewöhnt. Lass uns heimgehen.“
Auf dem Heimweg versuchte Prinzesschen erneut, Anton von ihrer Begegnung zu erzählen, der aber schüttelte nur den Kopf und schaute sie mitleidig an.
„Armes Kätzchen. Du solltest doch lieber im heimischen Garten bleiben. Zu viel Freiheit scheint dir nicht zu bekommen.“
Sie gab es auf. Anton würde ihr nicht glauben. Der Kater hatte eben keine Fantasie.

Am Morgen des Ostersonntags regnete es. Doch Prinzesschen stellte sich an die Haustür und miaute.
„Du willst wirklich bei diesem Wetter raus?“, fragte Herr Mayer.
Prinzesschen sah ihn bittend an und die Tür zur Freiheit öffnete sich. Suchend streifte sie durch den Garten, warf einen Blick unter den Rhododendron und prüfte das Vogelhaus, aber es war nichts zu sehen. Dann endlich, als sie es schon aufgeben wollte, sah sie etwas Rotes unter der Buchsbaumhecke hervorblitzen. Mit sanften Schritten näherte sie sich dem Objekt. Was dies wohl sein mochte? Sie stupste das rote Ding mit der Nase an. Ein Ei, so groß wie Franzis Tennisball, aus Plastik. Als sie es mit der Pfote anstupste, klingelte eine Glocke im Inneren. Ein Spielzeug, ganz für sie allein.

Osterhasen gibt es eben doch!

 

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

Niemand mag dich – Kurzgeschichte

Niemand mag dich

Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen und starre auf das Wartehäuschen. Das darf nicht wahr sein, oder? Würde es etwas nützen, wenn ich die Augen schließe? Doch als ich sie wieder öffne, ist es noch immer da. Obwohl der Bus jeden Moment kommen wird, kann ich mich nicht vom Fleck rühren. Es ist wie in einem dieser verflixten Träume. Man hat es eilig und kommt nicht voran.

Die Menschen, die sich mittlerweile vor dem Wartehäuschen eingefunden haben, kenne ich alle. Es sind immer dieselben. Einige fahren zur Arbeit, andere zur Schule. Auch die alte Frau Lehmann steht wieder da, mit ihrer großen Handtasche, die sie fest an ihren Körper drückt. Sie wird zunehmend verwirrter und lebt in einer anderen Welt, meistens in ihrer Vergangenheit. Daher wähnt sich Frau Lehmann auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in der Textilfabrik. Die gibt es zwar schon lange nicht mehr, aber ihr Sohn lässt sie jeden Morgen mit dem Bus in die Stadt fahren und holt sie dann mit dem Auto wieder ab. Ich weiß das alles, weil ich mich im Bus immer neben Frau Lehmann setze. Sie ist freundlich zu mir, im Gegensatz zu den vier Jungen da drüben, die auf dieselbe Schule gehen wie ich. Jetzt haben sie mich gesehen. Einer von ihnen zeigt mit dem Finger auf mich. Die anderen beginnen zu kichern und zu tuscheln. Langsam trete ich den Rückzug an.

Hey, Larissa. Hast du es schon gelesen?“

Wie hätte ich das übersehen können? Die großen Buchstaben springen mir fast entgegen. Die Jungen grölen. Dann kommt endlich der Bus und verschluckt sie. Der Fahrer hupt ein Mal, aber ich ignoriere ihn. Stattdessen laufe ich in die entgegengesetzte Richtung. Endlich Ruhe! Die ersten Regentropfen fallen auf meine Brillengläser. Dann werden es immer mehr, bis es schließlich in Strömen gießt. Nach wenigen Minuten bin ich nass bis auf die Haut. Doch das kümmert mich nicht.

Niemand mag dich, Larissa!

Wieder und wieder schießt mir der Satz durch den Kopf, den bestimmt einer dieser fiesen Typen riesengroß an die Scheibe des Wartehäuschens geschmiert hat.

Wo soll ich jetzt nur hin? In die Schule gehe ich definitiv nicht. Das Schulhaus wird bis zur nächsten großen Pause abgeschlossen und außerdem habe ich kein Bedürfnis, diesen Mistkerlen heute noch einmal über den Weg zu laufen. Nach Hause will ich auch nicht. Meine Eltern sind bereits zur Arbeit gefahren. Aber meine Oma ist daheim. Ich hätte ihr zwar auftischen können, dass ich mich nicht gut fühle, aber ich habe keine Lust auf ihre Fragen. Warum wohnen wir auch in so einem Kaff? In der Stadt hätte ich die Zeit bis Schulschluss in einem Einkaufszentrum totschlagen können.

Ich nehme es meinen Eltern immer noch übel, dass sie mich vor zwei Jahren in dieses abgelegene Dorf verschleppt haben. Ich mag meine Oma wirklich und ich weiß auch, dass sie Hilfe im Haushalt braucht. Seit Opa gestorben ist, ist sie zu viel allein. Aber ich vermisse meine beste Freundin Verena und ich vermisse die Stadt. Seit ich hier bin, habe ich noch kein Mädchen gefunden, mit dem ich befreundet hätte sein wollen. Oder ist es umgedreht? An manchen Tagen fühle ich mich wie eine Aussätzige, die von allen gemieden wird. Dabei habe ich doch überhaupt nichts falsch gemacht. Das zumindest sagen meine Eltern mir immer wieder, wenn ich tränenüberströmt in meinem Zimmer hocke und mich einsam fühle. Das wird schon noch, lautet ihr wenig hilfreicher Trostversuch. Was soll denn nach zwei Jahren noch werden?

In meiner Klasse gibt es nur fünf Mädchen, aber sie sind allesamt alberne Gänse, die sich für nichts weiter als ihre Handys und die neuesten Kleidungstrends interessieren. Youtube, Facebook, Shoppen, das sind ihre Themen. Und dann ihr nerviges Gekicher. Das ist einfach nichts für mich. Ich bin ein Bücherwurm und kann mich stundenlang in fantastischen Geschichten verlieren. Als ich ihnen gegenüber anfangs erwähnte, dass ich Harry Potter mag, erntete ich nur ungläubige Blicke und missbilligendes Kopfschütteln. Also verhalte ich mich ruhig und setze mich auch in der Mittagspause abseits. Ich habe immer ein Buch dabei. Dann fühle ich mich nicht so allein. Nur die Nachmittage zu Hause ziehen sich oft hin. Mit Verena bin ich stundenlang unterwegs gewesen, aber das macht hier keinen Spaß.

Ich ziehe den Ärmel meiner Jacke hoch und betrachte die Linien. Manche davon sind bereits verblasst, einige rot und entzündet. Vorsichtig kratze ich daran. Ich höre erst auf, als Blut fließt. Der Schmerz bringt Erleichterung und vertreibt die unangenehmen Gedanken.

Weißt du, wer das war?“

Ich zucke zusammen und drehe mich um. Da steht ein Mädchen. Sie ist etwa in meinem Alter und lächelt mich an. Dann streicht sie sich die nassen langen Haare hinter die Ohren. Ich habe sie noch nie gesehen, weder hier im Ort noch in der Schule.

Ich habe sie beobachtet gestern Nacht, als sie die Scheibe beschmiert haben. Es waren die vier, die in den Bus gestiegen sind. Kennst du die?“

Vorsichtig nicke ich. Gleichzeitig drehen sich die Gedanken in meinem Kopf wie in einem Kettenkarussell. Wer ist das Mädchen und warum war sie gestern Nacht hier draußen?

Mach dir nicht so viele Gedanken, Larissa. Wir sollten uns jetzt auf den Weg machen.“

Das Mädchen fasst nach meiner Hand und zieht mich mit sich. Ich will nicht mit ihr gehen und trotzdem folge ich ihr völlig willenlos in den Wald, der gleich am Ortsrand beginnt. Normalerweise mag ich den Wald, aber auf einmal macht er mir Angst. Längst haben wir den Waldweg verlassen und ich stolpere hinter dem Mädchen durch das Unterholz. Was hat sie vor mit mir?

Plötzlich bleibt sie stehen. Ich folge ihrem Blick, der starr nach vorn gerichtet ist. Wir sind an den Bahngleisen angekommen.

Was wollen wir hier?“, frage ich sie, doch sie antwortet nicht. Immer noch ist sie wie versteinert. Ich betrachte sie genauer. Sie kommt mir vage bekannt vor, aber ich hätte nicht sagen können, wer sie ist. Ihre Haare haben diese nichtssagende Farbe, die ich auch an mir hasse, kein Blond, aber auch kein Kastanienbraun. Straßenköterblond hat Verena das mal genannt. Sie ist nicht sonderlich hübsch, eher ein Durchschnittstyp, wie ich. Trotzdem ist mir so, als hätte ich ihr Gesicht schon einmal irgendwo gesehen. Ihre Kleidung ist voller Flecken, deren rostrote Farbe mich an geronnenes Blut erinnert.

Hier ist es damals passiert“, flüstert sie und zeigt mit dem Finger auf die Bahngleise.

Irgendetwas an ihrem Tonfall lässt mich eine Gänsehaut bekommen.

Was meinst du?“, flüstere ich ebenfalls. Ich weiß zwar nicht, warum wir so leise sprechen, denn es ist niemand außer uns hier, aber es käme mir auch falsch vor, laut zu reden.

Doch sie antwortet wieder nicht. Stumme Tränen laufen ihr über die Wangen. Ich hebe meine Hand, um sie wegzuwischen, aber sie weicht zurück.

Ich will dir nichts tun. Wie heißt du eigentlich? Du hast mir noch gar nicht deinen Namen gesagt.“

Anja Tischer.“

Bei diesem Namen klingelt etwas in meinem Kopf. Wo hatte ich den schon mal gehört? Anja fasst nach meiner Hand und ich merke erst jetzt, wie kalt ihre Finger sind. Sie zieht mich etwas näher an die Gleise heran. Von weitem höre ich einen Zug kommen. Ich blicke nach rechts und jetzt kann ich ihn auch sehen. Er ist noch etliche Hundert Meter entfernt, aber ich fühle mich nicht wohl so nah an den Gleisen. Doch Anja zieht mich weiter.

Hey, was hast du vor? Bleib stehen.“

Ich reiße mich von ihr los.

Bist du verrückt? Willst du uns umbringen?“

Hier ist es passiert. Vor ungefähr zwei Jahren. Erinnerst du dich an die Nachrichten?“

Der Zug rast an uns vorbei. Ein kurzes lautes Rauschen, dann ist es wieder still. Ich versuche, zu verstehen, was mir Anja erzählt hat und da fällt es mir plötzlich ein. Ich hatte es im Dorfladen gehört. Jetzt konnte ich die Frauen vor mir sehen, als sie von dem armen Mädchen geredet hatten, dass sich vor lauter Verzweiflung vor den Zug geworfen hatte. Sie war von ihren Klassenkameraden gemobbt worden. Irgendwann hatte sie es nicht mehr ausgehalten und sich umgebracht. Hieß sie nicht Tischer, Anja Tischer? Aber das kann doch nicht sein! Dieses Mädchen hier ist so lebendig wie ich. Ich gehe ein paar Schritte zurück.

Hab keine Angst, Larissa. Es geht ganz schnell. Du wirst dich frei fühlen.“

Ich schaue sie an und bemerke, dass sie fast transparent wirkt. Das ist mir vorhin nicht aufgefallen. Sehe ich schon Gespenster? Ich taste nach meiner Stirn, aber die ist eiskalt. Langsam verschwimmen Anjas Konturen, ihr Gesicht wird immer blasser, bis ich kaum noch ihre Augen, die Nase oder den Mund erkenne. Sie nähert sich mir, streckt den Arm nach mir aus.

Ihre Worte klingen so undeutlich, als hätte sie Murmeln im Mund: „Der nächste Zug kommt bald. Gib mir deine Hand.“

Ich gehe noch ein paar Schritte rückwärts. Ein Ast liegt im Weg und ich stürze.

Verschwinde! Verschwinde und lass mich in Ruhe! Ich will nicht sterben! Ich will leben!“

Den letzten Satz schreie ich, so laut ich nur kann. Die Furcht, die mir gerade noch in den Knochen steckte, ist verflogen. Ja, ich will leben und ich werde mir helfen lassen. Die Ritzerei muss ein Ende haben. Keinesfalls möchte ich es so weit kommen lassen wie Anja.

Wo ist sie überhaupt? Ich rappele mich vom Boden auf und drehe mich eine Runde um mich selbst. Sie ist verschwunden.

Ich sitze in meinem Zimmer vor dem Computer und starre auf die Facebook-Seite von Familie Tischer. Ihre Tochter war so alt wie ich, als sie das Mobbing ihrer Mitschüler nicht mehr aushielt und sich umbrachte. Ich blicke auf das Foto eines lächelnden Mädchens mit straßenköterblonden Haaren.

Dann öffne ich die Schublade des Nachtschränkchens und greife nach der Rasierklinge. Ich lege sie auf meine Handfläche und betrachte das metallene Ding, das seit einem Jahr meinen Alltag bestimmt. Ich will leben!, geht es mir durch den Kopf. Dann lege ich die Rasierklinge wieder zurück. Heute bin ich stark, heute schaffe ich es ohne die Klinge.

Am nächsten Morgen gehe ich mit einem Grummeln im Bauch zur Bushaltestelle. Als ich auf die Scheibe des Wartehäuschens schaue, traue ich meinen Augen kaum. Die schrecklichen Worte sind weg. Frau Lehmann drückt ihrem Sohn gerade einen Schwamm in die Hand und nickt mir freundlich zu.

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

Katzenweihnacht – Eine weihnachtliche Kurzgeschichte (Teil 3/3)

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Mit einem Ruck fuhr der Schlitten an und Prinzesschen drückte sich fest auf das weiche Fell. Die Glöckchen der Rentiere bimmelten immer lauter, je schneller der Schlitten fuhr und mit einem Mal hoben alle neun Tiere ab.
„Wie im Film, es ist wie im Film“, murmelte Prinzesschen vor sich hin.
Als sich der Schlitten in die Luft erhob, spürte sie ein kribbelndes Gefühl im Bauch. Wenn das kein Abenteuer war! Sie würde dem Nachbarskater eines Tages davon erzählen. Seine Vogeljagd war nichts dagegen. Langsam entspannte sie sich und wagte sogar einen Blick nach unten.
„Gefällt dir das, kleine Katze?“, fragte der Weihnachtsmann und lächelte.
Prinzesschen nickte.
„Es ist einfach wunderbar. So ein Abenteuer hätte ich mir nie erträumt. Aber woher kennst du mich?“
„Mein entzückendes Prinzesschen. Ich kenne alle Menschen und ihre Wünsche, vor allem die der Kinder und der Tiere. Nun bist du an der Reihe, dass dir ein Traum erfüllt wird.“

Unter ihnen blitzten die ersten Lichter. Sie hatten die große Stadt erreicht. Prinzesschen kannte die Stadt, denn dort wohnte der Tierarzt.
„Halt dich fest, kleine Katze. Jetzt wird es ernst.“
Kaum hatte der Weihnachtsmann seine Worte ausgesprochen, neigte sich der Schlitten nach unten. Die Rentiere galoppierten in einem haarsträubenden Tempo dem Boden entgegen, zogen eine steile Kurve und landeten dann den Schlitten etwas unsanft auf der Straße. Prinzesschen hatte sich im Lammfell festgekrallt und entspannte sich erst, als der Schlitten zum Stehen kam.

Der Weihnachtsmann sprang trotz seines erheblichen Umfangs elegant vom Kutschbock und schnappte sich den ersten Sack von der Ladefläche.
„Worauf wartest du, Prinzesschen? Komm mit.“
„Rutschst du denn nicht durch den Schornstein?“
Der Weihnachtsmann grinste.
„Da hat das Fernsehen ja ganze Arbeit geleistet. Nein, ich bevorzuge schon immer Türen.“
Sie schlichen auf leisen Sohlen durch das stille Haus bis ins Wohnzimmer und legten die Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Auf einmal knarzte im oberen Stock eine Diele und sie hörten ein leises Kichern. Prinzesschen zuckte zusammen, aber der Weihnachtsmann blieb gelassen. Er legte den Zeigefinger auf die Lippen und wies mit dem Kopf zur Terrassentür. Mit flinken Schritten verließen sie das Haus und tauchten im dunklen Garten unter.

„Hat dich schon mal ein Kind ertappt?“, fragte Prinzesschen, als sie wieder auf dem Schlitten saßen und zum nächsten Haus fuhren.
„Ja, das ist mir schon passiert. Zum Glück glaubte das Kind noch an mich und hat mich nur angestarrt.“
Gab es denn Kinder, die nicht an den Weihnachtsmann glauben?, fragte sich Prinzesschen.
„Ich kann deine Gedanken hören, kleine Katze. Glaube mir, es wird immer schwieriger, die Kinder davon zu überzeugen, dass es mich wirklich gibt.“

Die Nacht verging im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug. Sie hatten unzählige Geschenke verteilt. Prinzesschen stellte sich vor, wie die Kinderaugen am nächsten Tag leuchten würden.
Der Morgen graute bereits, als der Schlitten wieder vor Prinzesschens Haus landete. Wehmütig verabschiedete sie sich von den Rentieren. Wer wusste schon, ob sie sie je wiedersehen würde? Der Weihnachtsmann und seine Helfer machten sich nun wieder auf den Weg in den Norden, in ihre Heimat.
Prinzesschen drehte sich noch einmal um, als sie an der Haustür angekommen war. Rudolphs Nase blinkte rot, als der Weihnachtsmann das Signal zum Starten gab. Nach wenigen Sekunden war der Schlitten auch schon verschwunden.

Was für ein Abenteuer, dachte Prinzesschen und rollte sich in ihrem gemütlichen Bettchen zusammen. Sie träumte vom Weihnachtsmann, von fliegenden Rentieren und einer wilden Schlittenfahrt durch die Nacht. Am nächsten Tag wachte sie auf und hätte nicht sagen können, ob sie die Erlebnisse der letzten Nacht wirklich erlebt hatte oder ob alles nur ein Traum gewesen war. Ihr Blick fiel auf den Weihnachtsbaum, der prächtig geschmückt im Wohnzimmer stand. Darunter lagen vier Pakete, die gestern noch nicht dort gelegen hatten.

Prinzesschen setzte sich auf die Fensterbank und schaute zum Himmel. Wie immer im Winter wurde es schon wieder dunkel. Sie meinte, ein leises Glockengeläut zu vernehmen und dann sah sie es: ein rotes Blinken am Himmel. Kein Flugzeug, nein, es war Rudolph, der ihr einen freundlichen Gruß zu Weihnachten schickte.

 

Text: Susanne Sommerfeld

Foto: Uta Wentzke