So ein Hübscher …

Liebe Leserinnen und Leser,

schaut mal, wen ich heute auf meinem sonnigen, frühlingswarmen Novemberspaziergang an der Elbe getroffen habe:

Ist er nicht ein hübscher Kerl? Und ich bin mir sicher, er weiß das auch.

Nach meinem Spaziergang war der Kopf frei für die weitere Überarbeitung. Ich bin auf einem guten Weg, meinen Roman voranzutreiben und gleichzeitig eine neue Kurzgeschichte für einen Wettbewerb zu schreiben bzw. zu überarbeiten.

Wenn ihr mehr über meine Teilnahme am NaNoWriMo wissen möchtet, folgt mir gern auf Instagram: https://www.instagram.com/susanne.sommerfeld/.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende.

Liebe Grüße, Susanne

Write that book Club mit Julia K. Stein – ich bin dabei

Liebe Leserinnen und Leser,

beim NaNoWriMo mache ich auch dieses Jahr nicht mit. Ich bin immer noch damit beschäftigt, mein Projekt von 2018 zu überarbeiten.

Damit ich endlich wieder damit vorwärts komme, habe ich mich bei der Autorin Julia K. Stein zum „Write that book Club“ angemeldet. Das war eine sehr spontane Idee, aber vielleicht hilft es mir, besser gegen den Schweinehund anzukämpfen.

Gleichzeitig bin ich auch dabei, eine Kurzgeschichte für einen Wettbewerb mit Deadline 31.12.2020 zu schreiben. Wir ihr seht, wird mir wohl für längere Zeit nicht langweilig werden. 50.000 Wörter wie beim NaNoWriMo nehme ich mir nicht vor, aber 15.000, also 500 Wörter pro Tag, dürften es werden.

Mit Zoom & Co. habe ich mich noch gar nicht beschäftigt, aber das wird eh mal Zeit. Wenn ihr wissen möchtet, was Julia K. Stein da zu einem wirklich überschaubaren Preis anbietet, schaut mal hier: https://xojulia.de/lets-write-that-book-club-november-2020-jetzt-anmelden.

Liebe Grüße, Susanne

Erste Liebe

Diesen Text hatte ich ursprünglich für einen Wettbewerb geschrieben. Da ich nicht in die engere Auswahl gekommen bin, erscheint er nun hier.

Erste Liebe

Isabella hebt den Deckel von der Tastatur des Blüthner-Klaviers und streicht zärtlich über die Elfenbeintasten. Seit einem Monat steht das Instrument in ihrem Arbeitszimmer und sie hat noch nicht ein einziges Mal darauf gespielt. So viele Erinnerungen hängen daran. Es begleitete ihren Urgroßvater Hermann sein Leben lang. Bei jedem Umzug, so betonte er immer wieder stolz, war es dabei und wurde von ihm gehütet wie ein Familienmitglied. Jedes Weihnachtsfest war erst vollkommen, wenn Hermann Weihnachtslieder darauf anstimmte und die ganze Familie fröhlich sang. Sie sieht sich noch als kleines Mädchen auf dem Schoß ihres Urgroßvaters sitzen und die ersten Stücke darauf spielen.
Vor einigen Wochen ist Hermann einfach eingeschlafen. Wie oft sagte er in den letzten Monaten seines Lebens zu ihr: »Ich habe Sehnsucht nach meiner Helene.«, während er auf das Foto seiner vor etlichen Jahren verstorbenen Frau schaute und ihr Gesicht streichelte. Isabella lächelte seine Worte immer fort. Wie schwer muss es sein, wenn man fast einhundert Jahre alt ist und einem das Leben dahinschmilzt wie Schnee in der Frühlingssonne.


Isabella setzt sich auf den Klavierhocker und spielt die ersten Takte eines Chopinwalzers, aber beim Umzug scheint sich das Instrument verstimmt zu haben. Sie verzieht das Gesicht und öffnet den oberen Deckel das Klaviers. Auf den ersten Blick sieht alles so aus, wie es sein muss. Sie wird einen Klavierstimmer bestellen müssen. Doch halt, was ist das? Ein Stapel vergilbter Briefumschläge ist mit Klebeband oberhalb der Hämmerchen befestigt.

Isabella sitzt wie versteinert am Küchentisch. Mit geschwungener Handschrift sind der Name und die Adresse ihres Urgroßvaters auf allen Umschlägen geschrieben. Den ersten hat sie geöffnet, im Glauben, dass es sich um Briefe ihrer Urgroßmutter handelt. Doch unter den Zeilen steht In Liebe, deine Marcja. Der Brief ist auf Deutsch verfasst, aber es ist eindeutig, dass dies nicht die Muttersprache der Verfasserin ist. Hermann erzählte ihr einige Male von seiner Kindheit in Breslau. Die Absenderin lebte auch dort. Helene lernte er erst später in Deutschland kennen. Wer bist du, Marcja?
Wusste ihre Urgroßmutter von den Briefen? Sie konnte weder singen noch ein Instrument spielen und beklagte sich ständig darüber, dass auf dem schwarzen Kasten, wie sie das Klavier nannte, jedes Staubkorn zu sehen war. Auf die Idee, hineinzuschauen, wäre sie sicher nie gekommen.
Die Briefe erstrecken sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. Der letzte wurde vor ungefähr zwanzig Jahren geschrieben. Welches Geheimnis bewahrte ihr Urgroßvater all die Jahre?

Isabella steht am Grab ihrer Urgroßeltern und entfernt die welken Blumen aus der Vase.
»Uropa, wer war Marcja?«, flüstert sie, bekommt jedoch nur das wütende Meckern einer Amsel zur Antwort, die sich scheinbar durch ihre Anwesenheit gestört fühlt.
Ihr Urgroßvater nannte sie Mrs. Holmes, weil sie so ein neugieriges Kind war. Und diese Geschichte weckt ebenso ihre Neugier. Sie wird herausfinden, wer Marcja war. Wem soll das jetzt noch weh tun? Sie wird die vorlesungsfreie Zeit nutzen, um dem monotonen Alltag in ihrem brandenburgischen Heimatdorf zu entfliehen. Drei Tage später sitzt sie im Auto ihrer Mutter und fährt in Richtung Breslau.

Mit zitterndem Herzen steht Isabella vor dem Haus mitten in der Altstadt Breslaus, in der Hand einen der Briefumschläge. Das muss die richtige Adresse sein. Mit einem Mal wird ihr bewusst, dass sie kein einziges Wort Polnisch spricht. Sie schaut auf das Klingelbrett. Der Name Wójcik ist nicht zu sehen. Was erhofft sie sich denn? Marcja hat sicher geheiratet, lebt vielleicht in einem Pflegeheim oder ist bereits gestorben.
Jemand tippt ihr auf die Schulter. Isabellas Herz macht einen Sprung, als sie in das faltige, aber freundliche Gesicht einer alten Dame blickt. Sie nimmt ihren Mut zusammen und fragt auf Deutsch nach Marcja Wójcik. Die alte Frau nickt vorsichtig und mustert sie mit wachsamen Augen von oben bis unten.
»Das bin ich. Wie kann ich Ihnen helfen?«
Isabella ist erleichtert. Marcja hat die deutsche Sprache nicht verlernt.
»Mein Name ist Isabella. Ich habe Ihre Briefe bei meinem Urgroßvater Hermann gefunden.«
Marcja strahlt über das ganze Gesicht und fasst nach Isabellas Hand. Ihre Augen leuchten und sie ist sichtlich ergriffen. Isabella lächelt zaghaft.
»Mein Hermann … Das ist alles so lange her. Wie geht es ihm?«
Isabella atmet tief durch und schüttelt den Kopf. »Es tut mir leid. Er ist vor einigen Wochen gestorben.«
Marcja seufzt. »Es sollte wohl nicht sein, dass wir uns wiedersehen. Aber du kannst mir von ihm erzählen. Ich darf dich doch duzen?«

Marcja führt sie durch die Wohnung, die sie sich mit ihrer Tochter und deren Ehemann teilt. Auf dem Flügel in der Mitte des salonartigen Wohnzimmers stehen neben einer Vase mit gelben Rosen viele Fotografien.
»Das ist meine Familie. Sie leben überall in der Welt verstreut.«
Sie hält Isabella das Foto eines jungen attraktiven Mannes hin.
»Mein erster Sohn, Jerzy. Ich war noch sehr jung, als ich ihn bekam. Er lebt nicht mehr.«
Tränen rinnen ihr über die Wangen. Isabella betrachtet das Foto. Das ist doch nicht möglich, oder? Diese frappierende Ähnlichkeit. Sie erinnert sich an ein Foto ihres Urgroßvaters am Ostseestrand, als er etwa in dem Alter dieses Mannes war. Ihr ist, als blicke ihr Hermann entgegen.
»Du siehst es, oder?«
Isabella nickt stumm.
Nach einigen Minuten hat sie sich gefangen und fragt: »Wusste mein Urgroßvater von ihm?«

Zwei Wochen sind seit ihrer Reise nach Breslau vergangen. Isabella sitzt am Klavier und starrt auf das Notenheft vor ihr. Chopin war der Lieblingskomponist ihres Urgroßvaters und auch sie liebt seine Musik der perlenden Töne, die zart und gleichzeitig lebensbejahend und kraftvoll sind. Sie versucht sich an einer Etüde, aber ihre Gedanken wandern immer wieder zu Marcja und ihrem Urgroßvater. Sie schlägt das Notenheft wieder zu.

Die Begegnung mit Marcja hat ihr die Augen geöffnet für das Leben, das Hermann vor dem Krieg führte. Ein Leben, das so anders gewesen sein musste als ihr behütetes Dasein heute. Eine Liebe, die nicht sein durfte, ein Land, das man verlassen musste. Wie fühlte er sich, als er seine erste Liebe zurückließ in Breslau und mit seiner Familie nach Deutschland flüchtete? Und wie war Marcja zumute, die in dem Alter, in dem Isabella jetzt ist, bereits so viel Verantwortung tragen und Opfer auf sich nehmen musste?

Isabella kommen die Tränen. Von solchen Dingen hat sie bis jetzt nur in Romanen oder Geschichtsbüchern gelesen. Marcja verheimlichte die Schwangerschaft so lange wie möglich. Sie wurde mit einem entfernten Cousin verheiratet, der den Jungen wie seinen eigenen Sohn großzog. Tomasz war ihr ein guter Ehemann gewesen. »Aber die erste Liebe vergisst man nicht.«

Hermann ahnte lange Zeit nichts von seinem Sohn. Viele Jahre später schickte sie ihm ein Foto. Doch da hatte er längst eine eigene Familie gegründet. Trotzdem fuhr Marcja fort, ihm zu schreiben und über ihr Leben und das ihres Sohnes zu berichten. Geantwortet hat er ihr nie.

Isabella vergräbt Marcjas Briefe neben dem Grabstein ihrer Urgroßeltern. Ihren Großeltern und Eltern wird sie nichts von Marcja erzählen. Hermann soll sein Geheimnis mit ins Grab nehmen. Sie stellt einen Strauß gelber Rosen neben den Stein.
»Marcjas Lieblingsblumen«, flüstert sie. Die Amsel beginnt, ihr zauberhaftes Lied zu singen.

Text: Susanne Sommerfeld

Fazit Camp NaNoWriMo April 2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

ich bin ein wenig zu spät dran, aber ich wollte euch noch berichten, wie mein Camp gelaufen ist.

Zuerst einmal: Ich habe mein gestecktes Ziel von 15.000 Wörtern nicht nur erreicht, sondern auch verdoppelt. Ab dem 13.04.2020 habe ich jedoch nicht mehr viel am Roman gearbeitet, sondern bei einem Schreibwettbewerb mitgemacht. Alles geht eben nicht. Ich habe aber die Worte, die ich für den Kurzkrimi geschrieben bzw. überarbeitet habe, mit in die Statistik eingetragen. Zum Glück wurde dann die Deadline vom 19.04.2020 auf den 26.04.2020 verlängert und ich habe am 26.04.2020 kurz vor Mitternacht meine Geschichte hochgeladen.

Gestern habe ich gesehen, dass wohl fast 1000 (!) Kurzgeschichten eingereicht wurden. Wow! Nun muss Herr Fitzek entscheiden, wie er das mit seiner Jury schaffen will.

Für mich bleibt es spannend, auch wenn ich mir keine großen Chancen ausrechne. Das Schreiben und am Ende auch Überarbeiten und Verfeinern hat mir jedenfalls großen Spaß gemacht und ich habe mal wieder viel dabei gelernt. Mein Dank gilt auch meinen Testlesern, die an der Verbesserung der Geschichte großen Anteil haben.

Nach einer kurzen Schreibpause stürze ich mich nun wieder voller Motivation auf meinen Roman. Das Schöne ist, dass man jetzt auf der NaNoWriMo-Seite auch unabhängig vom NaNoWriMo (Camp) Ziele eintragen und seine Statistik führen kann. Für Mai habe ich mir jetzt mal 10.000 Wörter Überarbeitung vorgenommen.

Schreibt mir gern, wie euer Camp gelaufen ist.

 

Liebe Grüße,

Susanne

#wirschreibenzuhause – Deadline bis 26.04.20 verlängert

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Photo by Suzy Hazelwood on Pexels.com

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Sebastian Fitzek hatte Anfang April dazu aufgerufen, eine Kurzgeschichte zum Thema „Identität“ einzureichen: #wirschreibenzuhause. Ich hatte recht spät davon erfahren und bin nun umso glücklicher, dass die Deadline um eine Woche, auf den 26.04.20, verlängert wurde. Nun kann ich mich der Aufgabe widmen, die Geschichte erst einmal in Ruhe fertig zu schreiben und dann habe ich noch genügend Zeit zum Überarbeiten. Und die werde ich auch benötigen… 🙂

Auf dieser Internetseite kann die Geschichte dann ab 27.04.20 hochgeladen werden. Eine von Fitzek gewählte Jury hat dann die spannende Aufgabe, alle Geschichten zu lesen und diejenigen auszuwählen, die in der Anthologie veröffentlicht werden.

Vielleicht überzeugt euch die verlängerte Deadline ja auch noch, euch am Wettbewerb zu beteiligen.

Liebe Grüße und bleibt gesund,

Susanne

#wirschreibenzuhause

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Photo by Suzy Hazelwood on Pexels.com

 

Liebe Leserinnen und Leser,

das NaNoWriMoCamp läuft momentan ganz gut. Ich habe bereits die ersten fünf Kapitel meiner neuen Geschichte überarbeitet und bin somit recht produktiv.

Nun habe ich heute den Newsletter von Annika Bühnemann gelesen (leider etwas spät) und da sprang mir die Info über eine Ausschreibung für eine Kurzgeschichtensammlung entgegen, die Sebastian Fitzek ins Leben gerufen hat: #wirschreibenzuhause. Die läuft nun schon ein paar Tage und die Deadline ist bereits am 19.04.2020.

Ich liebe Herausforderungen, und deswegen werde ich mein Bestes geben und mache mit. 🙂 Das Brainstorming habe ich gemeistert und musste mich nun für eine Idee entscheiden. Meine Protagonistin sitzt noch ganz unschuldig (ja ja…) an ihrem Schreibtisch und ahnt nichts davon, was ihr in den nächsten Tagen widerfahren wird.

Vielleicht habt ihr auch Lust, euch daran zu beteiligen.

Liebe Grüße und bleibt gesund,

Susanne

Tag 4: Schreiben zu Bildern

Die Autorin Jutta Reichelt lädt zu ihrer virtuellen Schreibwerkstatt ein. Ich habe mich  für die Aufgabe „Schreiben zu Bildern“ entschieden. Jutta hat das Bild „Cape Cod Morning“ von Edward Hopper ausgewählt, welches mich zu folgender kurzen Geschichte inspiriert hat:

 

Edward Hopper_Cape Cod Morning

Patricias Blick verfolgte den Kommissar noch lange. Erst als sie sicher war, dass er nicht zurückkommen würde, wagte sie es, ihren Platz am Fenster zu verlassen. Dabei liebte sie den Ausblick. Wenn man die Augen ein wenig zusammenkniff, konnte man sich einbilden, das Meer am Ende des Horizonts zu sehen.

Edward hatte das Haus gleich nach der Hochzeit für sie beide ausgesucht. Wie verliebte Teenager hatten sie sich in den ersten Monaten durch alle Zimmer gejagt und sich überall geliebt, sogar in der engen Abstellkammer neben der Küche. Zuerst hatten sie darüber gelacht, dass sie nicht schwanger wurde. Es war ja noch so viel Zeit.

Doch als sie ihren vierzigsten Geburtstag feierte, war ihr nicht mehr nach Lachen zumute. Sie gab vor, Edwards Seitensprünge nicht zu bemerken, den Duft des fremdem Parfüms nicht zu riechen und seine abweisende Art im Schlafzimmer als Rücksicht auf ihre Gefühle zu sehen. Wie dumm sie gewesen war. Ihre besten Jahre hatte sie damit verbracht, einem Leben hinterher zu trauern. Währenddessen hatte sie ihr Leben verpasst.

Nun war sie Anfang Fünfzig und saß allein in dem viel zu großen Haus. Stille tönte ihr aus jedem Raum entgegen. Nur der dicke rote Kater Apollo war ihr geblieben. Faul lag er in Edwards Lieblingssessel und genoss die Sonnenstrahlen auf seinem Pelz. Patricia strich ihm über das weiche Fell. Apollo schnurrte unaufhörlich wie eine Nähmaschine.

Sie würde sich langsam Gedanken machen müssen, wie es weitergehen sollte. Noch war nicht gewiss, dass der Kommissar sie für unschuldig hielt und sich einer anderen Spur zuwendete. Sie hatte ihrer Meinung nach recht glaubhaft die trauernde Ehefrau gespielt, sogar ein paar echte Tränchen waren geflossen. Der Kommissar hatte ihre Hand getätschelt und schien sich dabei sichtlich unwohl in seiner Haut zu fühlen. Nach einigen Fragen war er aus dem Haus geflüchtet und ohne sich umzublicken in den Wagen gestiegen. Patricia vermutete, dass er nicht viel Erfahrung mit weinenden Frauen hatte. Edward hätte ihm den einen oder anderen Tipp geben können.

Doch Edward würde nie wieder jemandem Ratschläge erteilen. Dafür hatte sie gesorgt. Natürlich hätte sie auch einfach die Scheidung einreichen können. Aber warum sollte sie sich für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich fühlen und auf die liebgewordenen Annehmlichkeiten verzichten? Trotzig schüttelte sie den Kopf. Die Mail mit der Suchanzeige für die örtliche Zeitung hatte sie bereits vorbereitet. Wie lange würde es dauern, bis Edward vergessen war?

Sie trat in den Garten hinter dem Haus und bewunderte den gleichmäßig gewachsenen Rasen. Nur ein einsames Gänseblümchen störte die Idylle. Patricia bückte sich und riss es aus.

 

Text: Susanne Sommerfeld

Prinzesschens Weihnachtsüberraschung

Liebe Leserinnen und Leser,

wir, d. h. Uta und Susanne nebst den Katzen Nelly und Samira, wünschen euch allen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest im Kreis eurer Familien sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr.

 

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Ich mag die blöde Mütze nicht!

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Mir steht sie aber gut, oder?

 

Hier folgt eine neue Geschichte von Prinzesschen. Viel Spaß beim Lesen.

 

Der Schnee ließ auf sich warten. Es würde wohl kein weißes Weihnachtsfest geben in diesem Jahr. Heute war es besonders trübe. Die nackten Äste der Bäume bogen sich im Wind, Regentropfen sammelten sich an der Fensterscheibe, an die Prinzesschen ihre Nase drückte. Ein Abenteuer, das wäre jetzt willkommen, dachte sie. So wie im letzten Jahr, als sie den Weihnachtsmann und seine treuen Rentierhelfer getroffen hatte. Von diesem Ausflug hatte sie noch oft geträumt. Seit Wochen jedoch plagte sie die Langeweile. Anton, der Nachbarskater, kam immer seltener hinaus. Er mochte keinen Regen. Stundenlang saß sie daher nun schon am Fenster und wartete darauf, dass etwas passierte.

Am nächsten Tag war es endlich vorbei mit der Tristesse. Frau Mayer verbreitete bereits am Morgen eine aufgeregte Freude. Sie summte eine Weihnachtsmelodie, während sie den Teig knetete. Prinzesschen maunzte und hatte Erfolg. Diese süße klebrige Köstlichkeit liebte sie sehr. Leider kam sie eher selten in den Genuss. Frau Mayer hatte beim letzten Mal drohend ihren Zeigefinger gehoben, als Prinzesschen nach mehr verlangte.
»Sonst wirst du noch genauso dick wie Anton.«
Der Duft nach den Lebkuchen, die im Ofen vor sich hin buken, zog durch das ganze Haus. Der Hausherr kam in die Küche, noch im Schlafanzug. Er warf einen sehnsüchtigen Blick durch das Ofenfenster. Frau Mayer lachte.
»Ihr zwei seid mir schon eine große Hilfe, immer zur Stelle, wenn es ums Essen geht.«

Der Heilige Abend war gekommen. Der Weihnachtsbaum stand in voller Pracht und Beleuchtung im Wohnzimmer und die Mayers hatten sich in Schale geworfen. Prinzesschen lebte nun schon einige Jahre in der Familie und konnte die Aufregung nicht nachvollziehen.
»Na, meine Kleine, bist du schon gespannt? Heute kommt Franzi.«
Bei diesem Namen spitzte Prinzesschen die Ohren. Ihrer Meinung nach kam Franzi viel zu selten zu Besuch. Frau Mayer meinte zwar immer, das wäre normal, wenn Kinder erwachsen würden. Prinzesschen nahm es Franzi trotzdem übel. Sie würde ihr am Anfang die kalte Schulter zeigen. Ein schlechtes Gewissen durfte sie ruhig haben.

Es klingelte. Frau Mayer eilte freudestrahlend zur Haustür. Prinzesschen rollte sich auf ihrem Kissen auf der Fensterbank zusammen und stellte sich schlafend. Doch im nächsten Moment brach ein Tumult über das sonst so ruhige Leben der Mayers hinein.
»Ach du meine Güte, wer ist das denn?«, rief Herr Mayer und seine Frau kreischte.
Prinzesschen öffnete ein Auge zu einem schmalen Schlitz und wäre beinahe vom Kissen gefallen. Was hatte Franzi da für eine Bestie angeschleppt? Ein kleines Energiebündel, weiß mit schwarzen Punkten, sprang vor ihr auf und ab und bellte in den höchsten Tönen. Vor lauter Erregung hing dem Kerl schon die Zunge aus dem Maul. Prinzesschen schloss das Auge wieder, in der Hoffnung, der Hund würde verschwinden. Doch das Bellen hörte nicht auf, auch nicht, als Franzi schimpfte.
Dann würde Prinzesschen eben selbst zur Tat schreiten müssen. Sie sprang auf und sträubte das Fell. Zusätzlich fauchte sie, so laut sie konnte, doch der Dalmatinerwelpe schien völlig unbeeindruckt. Im Gegenteil, er verstand das Ganze als Spielaufforderung und versuchte, mit immer verrückteren Sprüngen an die Fensterbank zu gelangen.
Prinzesschen drückte sich dicht ans Fenster und funkelte ihn mit einem stechenden Blick an. Bei anderen Hunden hatte das immer funktioniert. Nicht so bei diesem, der scheinbar noch nie mit einer Katze zu tun hatte. Prinzesschen würde ihm eine Lektion erteilen, die er so schnell nicht vergessen würde. Mit einem Satz sprang sie von ihrem Stammplatz herunter und landete direkt vor der Nase des verdutzten Welpen. Der Dalmatiner setzte sich auf sein Hinterteil und schaute sie erwartungsvoll an. Prinzesschen erteilte ihm einen Tatzenhieb auf die Nase, stolzierte dann mit erhobenem Kopf direkt an ihrer Familie vorbei und verschwand durch die noch immer offenstehende Haustür.

Ihr Freund Anton saß unter dem Vogelhäuschen, eine seiner Lieblingsbeschäftigungen im Winter. Dabei war er viel zu schwerfällig, um auch nur einen der schlauen Wintergäste zu erbeuten.
»Anton, du glaubst nicht, was sich meine Familie wieder erlaubt hat.«
»Psst, sei leise. Du verschreckst die Vögel.«
Prinzesschen kicherte.
»Glaubst du wirklich, dass die sich von dir fangen lassen?«
Anton warf ihr einen beleidigten Blick zu.
»Na, erzähl schon. Was ist los mit deinen Dosenöffnern?«
Der Kater schüttelte den Kopf, nachdem Prinzesschen ihre Geschichte beendet hatte.
»Das werden harte Tage für dich. Der Hund scheint ja völlig unerzogen zu sein. Was hat sich Franzi nur dabei gedacht?«
»Prinzesschen, wo bist du?«
Franzi lief durch den Garten, in der Hand eine Packung mit Prinzesschens Lieblingsleckerchen. Scheinbar hatte sie ein schlechtes Gewissen. Prinzesschen würde sie noch ein wenig zappeln lassen. Und morgen, morgen war der Tag der Abrechnung.

Die Nacht war friedlich verlaufen. Franzi hatte den Hund mit in ihr ehemaliges Zimmer genommen. Ab und zu war ein Fiepen und Kratzen an der Tür zu vernehmen, aber wenigstens war Prinzesschen jetzt sicher in ihrem Körbchen. Sie war weiterhin entschlossen, ihr Revier zu verteidigen. Franzi würde schon sehen, wer hier das Sagen hatte.
Sie träumte gerade davon, wie sie mit Anton durch die Nachbarschaft streifte, um auf Mäusejagd zu gehen, als sie etwas Kaltes auf ihrer Nase spürte. Was war das? Sie nieste und wachte auf. Sie blickte direkt in das Gesicht des Dalmatiners, der ihr mit seiner Zunge quer über die Nase schleckte. Mit einem Satz sprang sie auf. Wie war das möglich? Dann fiel ihr ein, dass sie sich am Abend auf ihrem Kissen auf dem Sofa niedergelassen hatte. Dies zu erreichen, war für den Hund kein Problem.
»Hast du denn überhaupt kein Benehmen?«, fragte sie ihn.
Der Welpe antwortete mit einem kurzen Bellen.
»Kannst du etwa nicht reden?«
Erneut bellte er und schüttelte dann seine Schlappohren.
Prinzesschen war ratlos. So ein Hund war ihr noch nie begegnet. Konnten sich denn nicht alle Tiere miteinander unterhalten? Sie würde einen letzten Versuch unternehmen.
»Verstehst du mich wirklich nicht?«
Der Welpe winselte und versuchte erneut, ihr das Gesicht abzulecken. Prinzesschen wich einen Schritt zurück. Eigentlich war der Hund ja ganz niedlich, wenn er sie nur nicht so bedrängen würde.

»Na, ihr Zwei, freundet ihr euch doch noch an?«
Franzi setzte sich neben Prinzesschen auf die Couch und streichelte mit einer Hand den Hund, mit der anderen kraulte sie Prinzesschen hinter den Ohren.
Frau Mayer betrat das Wohnzimmer und klatschte vor Freude in die Hände.
»Das ist ja mal ein friedliches Bild.«

In diesem Moment sprang der Dalmatiner auf. In seinem Eifer, Frau Mayer zu begrüßen, streifte er den Weihnachtsbaum, der sich daraufhin bedrohlich zur Seite neigte. Die ersten Christbaumkugeln fielen klirrend zu Boden, der Baum folgte. Frau Mayer quietschte auf und Franzi versuchte, den umherspringenden Hund einzufangen. Prinzesschen thronte derweil auf ihrem Kissen und beobachtete das wilde Treiben. Es würde ein verrücktes Weihnachtsfest werden, das stand fest.

 

 

 

 

Text: Susanne Sommerfeld

Fotos: Uta Wentzke

Ida und Jacob (Teil 3)

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Es hat ein wenig gedauert, aber hier folgt nun Teil 3 der Geschichte um Ida und Jacob. Hier könnt ihr die ersten beiden Teile finden: Teil 1 und Teil 2.

Ida saß auf der Bank vorm Haus und besserte die abgetragene Kleidung ihrer jüngeren Geschwister aus. Die Sonne schien und der Duft nach frisch gemähtem Gras wehte durch das Dorf. Idas Gedanken waren wiederholt bei Jacob. In letzter Zeit passierte es oft, dass die Mutter ihr eine Kopfnuss verpasste, weil sie durch ihre Träumereien die Suppe anbrennen ließ oder die Hausarbeiten vernachlässigte. Das trübte ihre gute Laune jedoch nicht. Immer wieder ertappte sie sich dabei, dass sie eine Melodie vor sich hin summte.
»Soll ich dir helfen?«
Marie, Idas jüngere Schwester, setzte sich neben sie und schnappte sich eine Socke aus dem Korb. Wortlos reichte Ida ihr Nadel und Faden. Die Stirn in Falten gelegt und die Zunge zwischen die Zähne geschoben, versuchte die Kleine, das Garn ins Nadelöhr einzufädeln. Ida lächelte. Aller Anfang war schwer, aber bald würde sie eine fähige Helferin haben und konnte die Arbeit aufteilen. Schweigend verbrachten die beiden Schwestern die nächste Stunde mit den Ausbesserungsarbeiten, bis der Korb geleert war.
»Puh, endlich geschafft«, sagte Marie und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel. Die Mutter war heute zum Markt gegangen und es war Idas Aufgabe, für das Mittagessen zu sorgen. Viel würde es nicht zu essen geben. Die Ernte war nach einer wochenlangen Dürre mager ausgefallen.

»Sag mal, warum kommt uns Jacob nicht mal besuchen?«, fragte Marie, die in der Küche auf dem Boden saß und mit dem jüngsten Bruder Franz spielte. Seit Marie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, sprach sie ununterbrochen über ihren neuen Freund Jacob und erzählte jedem, dass Ida ihn vor dem Feuer gerettet hatte. Ida war dankbar, dass sich Marie von ihrer Lungenerkrankung erholt hatte, aber immer wenn ihre Schwester den Namen des jungen Mannes erwähnte, kribbelte es in ihrem Magen und das Herz hüpfte vor Aufregung. Ida hatte Jacob das letzte Mal vor einigen Wochen gesehen, als sie Marie gemeinsam mit ihrer Mutter aus dem Krankenhaus abholte. Vor ihrer Mutter hätte sich Ida nie getraut, mit ihm zu sprechen. So blieb es beim Blickkontakt. Jacobs Blick bohrte sich in ihr Gedächtnis und sie träumte nachts von ihm, wie er ihre Hand hielt und mit ihr durch den Park spazierte. Wie töricht! Als ob es jemals dazu kommen würde. Ihre Mutter hatte ihr strikt verboten, sich mit einem Jungen zu treffen. Also würde Jacob sie auch nicht besuchen dürfen. Wahrscheinlich hatte er sie auch schon längst vergessen. Er sah gut aus und hatte sicher jede Menge Mädchen um sich, die ihn anhimmelten. Was sollte er an ihr finden? Sie war nicht sonderlich gescheit, hatte kaum eine Schule von innen gesehen und taugte mehr schlecht als recht für die Haushaltsführung.

***

Ida ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Seit sein Bein soweit geheilt war, dass er wieder in der Lage war zu laufen, war er mehrere Stunden am Tag in der Gegend unterwegs, immer in der Hoffnung, ihr zu begegnen. Doch er traf sie nie. Ihre Mutter hatte er auf dem Markt gesehen, aber er wagte nicht, sie anzusprechen. Da war eine innere Stimme, die ihm sagte, dass es keine gute Idee wäre und er Ida damit in Schwierigkeiten bringen würde. So hoffte er weiter, sie allein zu treffen.
Heute wartete er wieder auf dem Markt auf sie. Er lungerte seit Stunden zwischen den Ständen herum. Einige der Händler hatten ihn bereits aus Angst vor Diebstahl mit derben Flüchen vertrieben. Wer konnte es ihnen verdenken. Die Menschen hungerten nach der katastrophalen Missernte.

Jacob entdeckte Idas Mutter am Eierstand, wo sie mit dem Verkäufer um einen niedrigeren Preis feilschte. Er näherte sich dem Stand. Idas Mutter flehte den Händler mittlerweile an, ihr einen besseren Preis für ein Dutzend Eier zu anzubieten, doch dieser gab nicht nach.
»Zwei Franken für die Eier, das ist doch nicht zu viel verlangt«, klagte der Händler und wendete sich an den Verkäufer vom Nachbarstand, der Gemüse verkaufte.
»Was meinst du? Bin ich etwa ein Halsabschneider?«
Der Gemüsehändler schüttelte den Kopf.
»Angebot und Nachfrage, werte Dame. So ist das heutzutage«, sagte er.
Idas Mutter liefen die Tränen über die Wangen. Sie wischte sie mit dem Ärmel ihrer Bluse weg.
»Dann nehme ich wenigstens sechs Eier«, gab sie nach. »Aber vielleicht können Sie mir sagen, wie ich meinen Kindern erklären soll, dass es schon wieder so wenig zu essen gibt.«
Der Eierhändler packte die Ware ein und reichte sie Idas Mutter.
»Wir sollten gottesfürchtiger sein, damit die Ernte nächstes Jahr besser ausfällt«, sagte er.
Idas Mutter schnappte nach Luft. Doch bevor sie etwas entgegnen konnte, was ihr hinterher leidtat, fasste Jacob ihren Arm und zog sie vom Stand weg.
»Kommen Sie, das bringt doch nichts«, sagte er.
»Was soll das, Junge? Hey, ich war noch nicht fertig mit dem Kerl.«
Doch Jacob ließ sich nicht beirren und zog sie weiter. Idas Mutter befreite sich mit einem Ruck aus seinem Griff und blieb stehen. Misstrauisch beäugte sie ihn.
»Sag mal, ich kenne dich doch. Bist du nicht der Junge aus dem Krankenhaus? Jacob?«
Jacob nickte und Idas Mutter lachte.
»Du glaubst ja gar nicht, wie viel Marie über dich erzählt hat. Sie hat einen richtigen Narren an dir gefressen.«
»Wie geht es ihr denn?«
»Komm doch mit. Dann kannst du meine Einkäufe tragen und sie selbst fragen.«
Idas Mutter reichte ihm den Korb und hakte sich bei ihm unter. Jacobs Herz schlug immer schneller. Würde er heute Ida sehen?

***

Ida scheuchte Marie durch die Küche. Die kleine Schwester hatte ihr geholfen, Kartoffeln zu schälen und Gemüse zu schneiden und es dabei geschafft, die Küchenabfälle überall auf dem Boden zu verteilen.
»Du bist doch kein Kleinkind mehr. Wie kannst du nur so eine Unordnung hinterlassen?«, schimpfte Ida und warf einen Lappen nach Marie.

Marie kicherte nur und rannte mit Franz im Schlepptau nach draußen. Ida fluchte. Unordnung verbreiten, das war etwas, dass ihre Geschwister wunderbar beherrschten und ihr blieb oft die Rolle, ihnen alles hinterherzuräumen. Sie hockte sich auf den Boden und sammelte die Kartoffelschalen ein.

»Schau mal, wen ich mitgebracht habe«, rief ihre Mutter.
Ida wäre am liebsten im Erdboden versunken, als sie den Besuch sah. Jacob! Hier und jetzt, während sie mit Schweißperlen auf der Stirn und halb aufgelöstem Zopf auf dem Boden hockte. Sie hatte sich das Wiedersehen anders vorgestellt, romantischer, aufregender, aber auf keinen Fall so. Sie wischte sich die Hände an der Küchenschürze ab und reichte Jacob die Hand.
»Hat es dir die Sprache verschlagen, Ida?«, fragte ihre Mutter und begann mit dem Ausräumen des Korbes.
Ida und Jacob standen sich noch immer gegenüber und schauten sich an. Peinliches Schweigen breitete sich im Raum aus, bis es Ida kaum noch aushielt.
»Wie geht es denn deinem Bein?«, fragte sie.
Jacob räusperte sich.
»Danke, es ist gut verheilt. Es werden Narben zurückbleiben, aber das macht nichts. Ich habe dir mein Leben zu verdanken, Ida.«
Ida spürte die Hitze in ihrem Gesicht aufsteigen.
»So, ihr Zwei, raus aus der Küche. Setzt euch doch draußen auf die Bank. Ich rufe euch dann zum Mittag. Du bleibst doch zum Essen, Jacob?«

***

Jacob saß neben Ida auf der Bank. Sein Herz schlug bis zum Hals und ihm fiel nicht ein gescheiter Satz ein. Aus den Augenwinkeln betrachtete er ihre gebräunten zarten Knöchel, die unter dem Kleid hervorlugten. Sie trug keine Schuhe und ihre Zehen gruben sich in den Boden. Nervös knetete sie ihre Finger. Jacob lächelte. Wenigstens schien es ihr genauso zu ergehen wie ihm.
»Wie geht es eigentlich deiner kleinen Schwester?«, fragte er, um die Stille zu durchbrechen.
»Marie ist wieder gesund. Gesund genug, um mich zu ärgern.«
Jacob lachte. Er hatte sich immer Geschwister gewünscht, aber er war ein Einzelkind geblieben. Was hätte er für eine freche kleine Schwester gegeben.

***

»Jacob, Jacob!«, rief Marie schon von weitem und stürmte auf ihn zu. Ihren Bruder zog sie hinter sich her.
»Wenn man vom Teufel spricht«, sagte Ida. »Langsam, Marie, nicht so stürmisch.«
Doch Marie hing Jacob schon am Hals und drückte ihn fest. Franz stand daneben und machte große Augen.
»Endlich kommst du uns mal besuchen, Jacob. Ich habe dich schon so vermisst. Wie geht es deinem Bein? Kannst du wieder arbeiten gehen?«
Ida rollte mit den Augen. Marie konnte einem wirklich Löcher in den Bauch fragen. Armer Jacob! Sie schaute ihn an und Jacob erwiderte ihr Lächeln mit einem Augenzwinkern. In ihrem Magen breitete sich ein kribbelndes Gefühl aus. So etwas hatte sie noch bei keinem anderen Jungen gespürt.

»Mittagessen!«, rief die Mutter von drin.
Wie junge Hunde stürmten Marie und Franz ins Haus. Ida wollte gerade von der Bank aufstehen, da nahm Jacob ihre Hand. Warm war seine Hand und Ida fühlte die Schwielen von der harten Arbeit in der Fischfabrik. Jacob zog Ida näher an sich heran und gab ihr einen Kuss. Ihr erster! In Idas Bauch flatterten die Schmetterlinge. Sie genoss das Gefühl von Jacobs Lippen auf ihren. Wenn sie diesen Moment doch nur konservieren könnte.

Fortsetzung folgt …

 

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

Prinzesschens Halloween

Prinzesschen streckte sich und schaute aus dem Fenster. Von ihrer geliebten Fensterbank aus hatte sie einen erstklassigen Einblick in den Nachbarsgarten. Seit ein paar Tagen thronte auf den Eingangsstufen ein orangefarbener Kürbis enormen Ausmaßes, der sie direkt angrinste. Am Abend flackerte das hämische Grinsen dank einer Kerze. Kaum hatte sich Prinzesschen an den Anblick gewöhnt, verwandelte der Nachbar seinen gesamten Garten in ein Gruselkabinett: grün fluoreszierende Skelette, Plastikfledermäuse, Betttuchgeister und Luftballons mit den grässlichsten Fratzen, wohin man auch schaute. Prinzesschen atmete auf. Ihre Familie nahm an diesem schaurigen Treiben nicht mehr teil, seit Franzi ausgezogen war.

Von Neugier getrieben, setzte sie sich an die Tür und begehrte maunzend Ausgang. Sie hatte Glück. Frau Mayer ließ sie aus dem Haus. Mit erhobenem Haupt stolzierte sie einige Minuten später durch den Garten und betrachtete die eigenartige Dekoration.
»Hey, Prinzesschen. Sieht gut aus, was?«
Anton, der Nachbarskater, rieb erst seinen Kopf, dann den ganzen Körper am Kürbis entlang und zwinkerte ihr zu.
»Du kannst ruhig näher kommen, der beißt nicht.«
Prinzesschen schüttelte den Kopf.
»Das weiß ich selbst. Ich habe doch keine Angst vor Gemüse.«
Plötzlich knackte es hinter ihr. Prinzesschen sprang erschrocken auf und fauchte. Anton kicherte.
»Ja, ja, so sieht das also aus, wenn du keine Angst hast? Das war doch nur das wackelige Skelett.«
Prinzesschen nieste und schaute den dicken Kater empört an.
»Wir werden ja sehen, ob du heute Nacht noch so eine große Klappe hast, wenn es dann wirklich spukt«, sagte sie und verließ den Garten.
»Spuk gibt es hier nicht. Das weiß ich genau«, rief Anton ihr nach.

Der Halloweenabend war gekommen. Die Mayers hatten doch einige Tüten Süßigkeiten besorgt, damit es keine langen Gesichter bei den Kindern gab, die später mit Sicherheit an der Tür klingeln würden. Prinzesschen hatte es sich auf der Fensterbank bequem gemacht und behielt den Nachbarsgarten im Auge. Dort herrschte reges Treiben. Einige Kinder machten sich einen Spaß daraus, an der Dekoration zu ziehen und das Licht im Kürbis auszublasen. Als einer der Bengel Anton in ein Bettlaken hüllen wollte, kletterte dieser auf den Kirschbaum.
Prinzesschen würde dem armen Kerl etwas Gesellschaft leisten. Als es erneut an der Tür klingelte und ihre Familie die »Süßes oder Saures« rufenden »Geister« mit Bonbons und Schokolade versorgte, nutzte Prinzesschen die Gelegenheit zur Flucht. Auf leisen Pfoten schlich sie zum Kirschbaum und kraxelte am Stamm empor. Anton bemerkte sie nicht.
»Na, ist dir der Spuk doch zu viel?«, fragte Prinzesschen.
Anton sprang auf und konnte sich gerade noch am Ast festkrallen.
»Musst du mich so erschrecken?«, fauchte er.
»Ich dachte, du glaubst nicht an Spuk. Warum sitzt du dann hier oben?«
Anton seufzte.
»Die Kinder gehen mir auf die Nerven. Stell dir vor, eines wollte mich als Gespenst verkleiden.«
Gemeinsam saßen sie eine Weile auf dem Baum. Nach und nach wurde es ruhiger.
Prinzesschen streckte sich und gähnte.
»Hey, Anton. Lass uns noch was unternehmen. Hier ist es langweilig. Ich möchte was erleben.«
Anton schaute sie an und kratzte sich am Kopf. Das tat er oft, wenn er nachdachte.
»In Ordnung. Ich kenne ein leerstehendes Haus. Wenn du dich wirklich gruseln möchtest, bist du dort genau richtig.«
Was sollte denn an einem leerstehenden Haus gruselig sein?
Anton schien ihre Gedanken erraten zu haben.
»Wart’s nur ab. Du wirst schon sehen.«

Prinzesschen betrachtete das Gebäude eingehend. Anton hatte recht. Allein der äußere Anblick des Hauses bereitete ihr Unbehagen. Früher mochte es eine beeindruckende Villa gewesen sein mit ihren hohen Fenstern, mittlerweile jedoch fast alle ohne Scheiben, einer imposanten Eingangstür mit einem reich verzierten Türklopfer und einem mit abwehrenden Speerspitzen bestückten Zaun. Efeu rankte sich besitzergreifend über die gesamte Backsteinfront. Der protzige Bau wirkte heute in diesem Viertel mit schmucklosen und sich ähnelnden Einfamilienhäusern fehl am Platz. Und doch hatte er überlebt.
Anton sprang durch ein offenes Fenster neben der Eingangstür. Einen derart eleganten Sprung hätte Prinzesschen dem dicken Kater gar nicht zugetraut.
»Nun komm schon. Oder bist du zu feige?«, rief er von drinnen.
Prinzesschen nahm Anlauf und sprang.
Der Eingangsbereich des Hauses war imposant. An den hohen Wänden hingen Gemälde von ernst dreinschauenden Personen. Prinzesschen hatte das Gefühl, als verfolgten sie die prüfenden Blicke dieser Herrschaften. Die Zeiger einer hölzernen Standuhr zeigten die Zeit: 23 Uhr. Über eine mit einem weichen roten Teppich ausgelegte Treppe gelangte man ins obere Geschoss. Anton war bereits oben angekommen und nickte ihr aufmunternd zu. Die Stufen waren für Prinzesschen mit ihren kurzen Beinen nicht einfach zu erklimmen, aber sie bemühte sich, sie so anmutig wie möglich zu bewältigen.
Ein langer Gang erstreckte sich scheinbar unendlich nach links und rechts. Die hier herrschende Dunkelheit verschluckte nach wenigen Metern die Sicht.
»Bleib in der Mitte des Ganges und geh in keines der Zimmer«, sagte Anton mit einem warnenden Unterton und lief vornweg.
Einige Zimmertüren waren nicht geschlossen. Prinzesschen hätte zu gern gewusst, was sich in diesen Räumlichkeiten befand. Warum sollte sie denn nicht wenigstens einen kurzen Blick hineinwerfen?
Vor einer nur einen schmalen Spalt geöffneten Tür blieb sie stehen. Anton hatte nichts bemerkt. Unbeeindruckt stapfte er weiter. Prinzesschen steckte den Kopf durch den Türspalt. Mondlicht schien durch die Fenster und hüllte das Schlafzimmer in ein silbriges Licht. Hatte Anton nicht gesagt, das wäre ein verlassenes Haus? Warum sah es dann aber hier so aus, als würden die Bewohner in jedem Moment zurückkehren? Die Kissen waren aufgeschüttelt, die Bettdecke akkurat zusammengelegt. Auf dem Nachtschränkchen lag ein Stapel Bücher. Prinzesschen betrat das Zimmer und näherte sich dem Sessel am Fenster. Der sah so einladend aus und sie wurde langsam müde. Sie würde sich nur einen Moment ausruhen.
Plötzlich schlug die Tür hinter ihr zu. Prinzesschen zuckte zusammen. Ihr Fell stellte sich auf. Nervös zuckte ihre Schwanzspitze. Doch es war nichts zu sehen. Bestimmt nur ein Luftzug. Sie sprang auf den Sessel und rollte sich zu einer Kugel zusammen. Bald darauf zog es ihr die Augen zu. So merkte sie nicht, dass sich die Tür wieder öffnete.

Was war das für ein Geräusch? Prinzesschens Ohren zitterten. Langsam öffnete sie die Augen zu Schlitzen, wagte es aber nicht, sich zu bewegen. Ein Mädchen, bekleidet mit einem weißen langen Nachthemd, saß auf dem Bett und beobachtete sie. Die Gesichtsfarbe des Mädchens, das nicht älter als zehn Jahre sein konnte, war außergewöhnlich fahl, aber das lag bestimmt am Mond. »Du bist eine hübsche Katze. Früher hatte ich auch mal eine, aber die lebt schon lange nicht mehr.«
Das Mädchen erhob sich vom Bett und steuerte auf Prinzesschen zu.
»Möchtest du gern bei mir bleiben? Ich kümmere mich gut um dich.«
Prinzesschen setzte sich auf. Das Mädchen war nett, aber sie hatte ja bereits eine Familie. Außerdem verspürte sie nicht den Wunsch, in diesem merkwürdigen Haus zu leben. Sie schüttelte den Kopf. Das Mädchen blickte traurig und streckte ihre Hand nach ihr aus. Prinzesschen wich zurück, aber zu spät. Die Berührung fühlte sich ganz anders an, als wenn Frau Mayer sie streichelte. Die Kleine hatte eiskalte Finger.
»Du bist schön weich. Ich wünschte, du würdest bei mir bleiben. Ich bin so allein.«
»Prinzesschen! Prinzesschen, wo bist du?«, hallte Antons Stimme im Gang.
Das Mädchen zuckte zusammen.
»Wer ist denn noch hier? Bist du nicht allein?«
Erstaunt sah sie zur Tür.
»Bleib doch noch, nur ein bisschen«, flehte sie.
Prinzesschen sprang vom Sessel.
Kurz bevor sie die Tür erreichte, schlug das Mädchen diese zu.
»Ich kann dich nicht gehen lassen. Du bist jetzt meine Katze. Dir wird es hier gefallen.«
Es kratzte an der Tür.
»Prinzesschen, bist du hier drin?«
»Anton, hol mich hier sofort raus!«, rief Prinzesschen und fauchte das Mädchen an.
Doch dieses schien völlig unbeeindruckt von der Drohung. Immer wieder rumste es jetzt auf der anderen Seite. Was machte Anton denn bloß?
Im nächsten Moment flog die Tür auf und Prinzesschens Retter sprang in großen Sätzen auf das Mädchen zu.
»Lass meine Freundin in Ruhe.«
Das Mädchen wich zurück. Dann nickte sie. Eine Träne rollte ihr über die linke Wange.

Dong, dong, dong – zwölf Mal schlug die Standuhr. Kurz danach war ein leises Geräusch zu vernehmen, so ähnlich, als wenn Frau Mayer mit der Spraydose ihr Haar in Form brachte. Das Mädchen war verschwunden. Alle Einrichtungsgegenstände waren zu ihrem Schutz mit weißen Laken verhüllt. Staubkörnchen wirbelten im Mondlicht. Anton und Prinzesschen blickten sich an.

Mitternacht, Halloween war vorüber.

 

Prinzesschens bisherige Abenteuer findet ihr hier: Prinzesschens Abenteuer

Text: Susanne Sommerfeld