abc.etüden – 06/07-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt meine Etüde für die Textwochen 6 und 7, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von Alice (Make A Choice Alice) gespendet.

 

Manuela fühlte sich schlecht. So krank war sie noch nie gewesen, aber ein Mal war immer das erste Mal. Hoffentlich war das nur eine Grippe. In den Nachrichten hatte sie gestern gehört, dass eine mysteriöse Krankheit diese Woche bereits Hunderte Tote gefordert hatte. Nur gut, dass sie Freiberuflerin war. Sie würde sich nicht in eine Arztpraxis setzen und dort auf den Tod treffen. Ihre größte Sorge war, dass sie ihre beste Freundin Daniela seit Tagen nicht erreichte. Sie hatte es über Festnetz, Handy und per Mail versucht, aber Daniela reagierte nicht. Wenn sie nur nicht so schwach wäre. Dann würde sie sich ins Auto setzen und zu ihrer Freundin fahren. Doch bereits der Gedanke, aus dem Bett zu steigen, versetzte ihr Schüttelfrost und einen Schweißfilm auf der Stirn. Vielleicht ging es Daniela wie ihr. Sicher war in ein paar Tagen alles vorbei und sie würden darüber lachen.
Drei Tage später kroch Manuela ins Bad. Was war das nur für eine miese Grippe? Es musste doch langsam besser werden. Sie hatte ihre gesamte Hausapotheke geplündert, aber nichts half. Ob sie ihre Hausärztin anrufen sollte, damit diese ihr einen Besuch abstattete? Manuela zog sich am Waschbecken hoch und blickte in den Spiegel. Das Gesicht, welches ihr entgegenblickte, wirkte wie gebleicht. Ich sehe aus wie eine Leiche, dachte sie.
Sie wählte die Nummer ihrer Ärztin, aber niemand ging ans Telefon. Wahrscheinlich war das Wartezimmer so voll, dass die Schwestern keine Zeit mehr zum Telefonieren hatten.
Bevor sie sich wieder ins Bett legte, schaute sie aus dem Fenster. Obwohl das herrlichste Winterwetter war, war niemand draußen auf der Straße zu sehen. Kein Auto fuhr, nichts bewegte sich.
Was war hier nur los? Kraftlos ließ sie sich ins Bett zurückfallen und knuddelte ihren Teddy aus Kindheitstagen. Bitte lass mich nicht allein hier sterben, lieber Gott.

(300 Wörter)

 

Text: Susanne Sommerfeld