Katzenweihnacht – Eine weihnachtliche Kurzgeschichte (Teil 3/3)

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Mit einem Ruck fuhr der Schlitten an und Prinzesschen drückte sich fest auf das weiche Fell. Die Glöckchen der Rentiere bimmelten immer lauter, je schneller der Schlitten fuhr und mit einem Mal hoben alle neun Tiere ab.
„Wie im Film, es ist wie im Film“, murmelte Prinzesschen vor sich hin.
Als sich der Schlitten in die Luft erhob, spürte sie ein kribbelndes Gefühl im Bauch. Wenn das kein Abenteuer war! Sie würde dem Nachbarskater eines Tages davon erzählen. Seine Vogeljagd war nichts dagegen. Langsam entspannte sie sich und wagte sogar einen Blick nach unten.
„Gefällt dir das, kleine Katze?“, fragte der Weihnachtsmann und lächelte.
Prinzesschen nickte.
„Es ist einfach wunderbar. So ein Abenteuer hätte ich mir nie erträumt. Aber woher kennst du mich?“
„Mein entzückendes Prinzesschen. Ich kenne alle Menschen und ihre Wünsche, vor allem die der Kinder und der Tiere. Nun bist du an der Reihe, dass dir ein Traum erfüllt wird.“

Unter ihnen blitzten die ersten Lichter. Sie hatten die große Stadt erreicht. Prinzesschen kannte die Stadt, denn dort wohnte der Tierarzt.
„Halt dich fest, kleine Katze. Jetzt wird es ernst.“
Kaum hatte der Weihnachtsmann seine Worte ausgesprochen, neigte sich der Schlitten nach unten. Die Rentiere galoppierten in einem haarsträubenden Tempo dem Boden entgegen, zogen eine steile Kurve und landeten dann den Schlitten etwas unsanft auf der Straße. Prinzesschen hatte sich im Lammfell festgekrallt und entspannte sich erst, als der Schlitten zum Stehen kam.

Der Weihnachtsmann sprang trotz seines erheblichen Umfangs elegant vom Kutschbock und schnappte sich den ersten Sack von der Ladefläche.
„Worauf wartest du, Prinzesschen? Komm mit.“
„Rutschst du denn nicht durch den Schornstein?“
Der Weihnachtsmann grinste.
„Da hat das Fernsehen ja ganze Arbeit geleistet. Nein, ich bevorzuge schon immer Türen.“
Sie schlichen auf leisen Sohlen durch das stille Haus bis ins Wohnzimmer und legten die Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Auf einmal knarzte im oberen Stock eine Diele und sie hörten ein leises Kichern. Prinzesschen zuckte zusammen, aber der Weihnachtsmann blieb gelassen. Er legte den Zeigefinger auf die Lippen und wies mit dem Kopf zur Terrassentür. Mit flinken Schritten verließen sie das Haus und tauchten im dunklen Garten unter.

„Hat dich schon mal ein Kind ertappt?“, fragte Prinzesschen, als sie wieder auf dem Schlitten saßen und zum nächsten Haus fuhren.
„Ja, das ist mir schon passiert. Zum Glück glaubte das Kind noch an mich und hat mich nur angestarrt.“
Gab es denn Kinder, die nicht an den Weihnachtsmann glauben?, fragte sich Prinzesschen.
„Ich kann deine Gedanken hören, kleine Katze. Glaube mir, es wird immer schwieriger, die Kinder davon zu überzeugen, dass es mich wirklich gibt.“

Die Nacht verging im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug. Sie hatten unzählige Geschenke verteilt. Prinzesschen stellte sich vor, wie die Kinderaugen am nächsten Tag leuchten würden.
Der Morgen graute bereits, als der Schlitten wieder vor Prinzesschens Haus landete. Wehmütig verabschiedete sie sich von den Rentieren. Wer wusste schon, ob sie sie je wiedersehen würde? Der Weihnachtsmann und seine Helfer machten sich nun wieder auf den Weg in den Norden, in ihre Heimat.
Prinzesschen drehte sich noch einmal um, als sie an der Haustür angekommen war. Rudolphs Nase blinkte rot, als der Weihnachtsmann das Signal zum Starten gab. Nach wenigen Sekunden war der Schlitten auch schon verschwunden.

Was für ein Abenteuer, dachte Prinzesschen und rollte sich in ihrem gemütlichen Bettchen zusammen. Sie träumte vom Weihnachtsmann, von fliegenden Rentieren und einer wilden Schlittenfahrt durch die Nacht. Am nächsten Tag wachte sie auf und hätte nicht sagen können, ob sie die Erlebnisse der letzten Nacht wirklich erlebt hatte oder ob alles nur ein Traum gewesen war. Ihr Blick fiel auf den Weihnachtsbaum, der prächtig geschmückt im Wohnzimmer stand. Darunter lagen vier Pakete, die gestern noch nicht dort gelegen hatten.

Prinzesschen setzte sich auf die Fensterbank und schaute zum Himmel. Wie immer im Winter wurde es schon wieder dunkel. Sie meinte, ein leises Glockengeläut zu vernehmen und dann sah sie es: ein rotes Blinken am Himmel. Kein Flugzeug, nein, es war Rudolph, der ihr einen freundlichen Gruß zu Weihnachten schickte.

 

Text: Susanne Sommerfeld

Foto: Uta Wentzke

Katzenweihnacht – Eine weihnachtliche Kurzgeschichte (Teil 2/3)

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„Ich bin übrigens Comet, eines der Rentiere von Santa Claus.“
„Comet, was für ein außergewöhnlicher Name. Wie viele Rentiere hat dieser Santa Claus denn?“
„Wir sind neun. Der Star ist natürlich Rudolph. Sicher hast du schon von ihm gehört.“
„Der mit der roten Nase? Franzi hat die Geschichte mal im Fernsehen geschaut.“
Comet seufzte.
„Ja, Rudolph kennt jeder. Nur wir werden gern mal vergessen.“
Das Rentier stapfte auf den Gartenzaun zu und schlüpfte durch das offene Türchen. Prinzesschen blieb stehen und schnupperte am Schnee. Der kitzelte in der Nase. Wieder eine neue Erfahrung. Schließlich hatte sie das Haus bis jetzt nur selten verlassen und wenn, dann nur im Auto der Mayers. Dann fuhren sie sie immer zum Tierarzt, eine unangenehme Sache. Ratlos schaute sie sich zum Haus um, dann wieder zum Gartentürchen. Sollte sie wirklich hinter dem seltsamen Rentier herlaufen? Was hatte Comet vor?
„Nun komm schon, Prinzesschen. Du wolltest ein Abenteuer und jetzt hast du die Chance. Du wirst doch nicht kneifen, oder?“

Sie und kneifen? Entschlossen schüttelte sie den Kopf und verließ den Garten ihrer Familie. Comet lief munter auf dem Bürgersteig vornweg und Prinzesschen hatte Müh und Not, mit ihren krummen Beinchen Schritt mit ihm zu halten. Doch sie würde sich nicht beschweren. Comet würde schon sehen, was in ihr steckte. Schließlich gehörte sie zur selben Familie wie Tiger und Löwen. Sie hüpfte durch den weichen Pulverschnee und genoss das kalte Gefühl an ihren Pfoten. Immer dichter fielen die Schneeflocken vom Himmel und ab und zu streckte Prinzesschen die Zunge heraus, um eine Flocke einzufangen.
„Du warst wirklich noch nie draußen, oder?“, fragte Comet nach einiger Zeit.
„Ich bin eine Hauskatze. Meine Familie hat Angst, dass ich unter die Räder komme. Schau dir doch bloß meine Beine an! Damit bin ich nicht gerade die Schnellste.“
Schweigend liefen die beiden weiter, bis sie die letzten Häuser und Laternen der Straße hinter sich gelassen hatten. Danach führte sie ein schmaler Pfad direkt in den dunklen Wald. Prinzesschen blieb stehen. Solch eine Schwärze hatte sie noch nie erlebt. Was alles hinter den vielen Bäumen lauern mochte?

Huh-Huhuhu-Huuuh!
Prinzesschen stemmte ihre Pfötchen in den Boden. Ihre Ohren zuckten in alle Richtungen.
„Was war das?“
„Nur ein Waldkauz. Vor dem brauchst du keine Angst zu haben. Der jagt Mäuse, so wie ihr Katzen auch.“
Ein Waldkauz, was das wohl sein mochte? Doch sie fragte nicht nach. Comet hielt sie schon für unwissend genug. Langsam lief sie weiter, schaute sich aber immer wieder um. Sie war erstaunt, wie gut sie im Dunkeln sehen konnte, aber auch ihre Ohren vernahmen selbst leiseste Geräusche. Überall raschelte und knackte es. Ihre Nerven waren bis auf Ärgste gespannt.
„Sag mal, Comet, wohin gehen wir denn?“
Er antwortete nicht, sondern wies mit einer nickenden Bewegung nach vorn. Ein rot blinkendes Licht war zwischen den Bäumen zu sehen. Dann hörte sie das leise Bimmeln von Glöckchen. Dieses Geräusch hatte sie schon einmal gehört, in dem Film über das Rentier Rudolph, den Franzi damals zu Weihnachten gesehen hatte.

Prinzesschen lief so schnell es ihre unförmigen Beinchen erlaubten. Comet eilte neben ihr her. An der Lichtung angekommen, stoppte sie. Sie traute ihren Augen kaum. Die Szene wirkte, als wäre sie einem Traum oder ihrer abenteuerlustigen Fantasie entsprungen. Comet stupste sie an und Prinzesschen schlich auf die acht Rentiere zu, die sich um einen großen Holzschlitten geschart hatten. Auf dem Schlitten saß ein in einen roten Mantel gekleideter Mann von unschätzbarem Alter mit einem weißen langen Bart und vor Freude blitzenden Augen. Er lachte laut und hielt sich dabei seinen dicken Bauch.
„Hey, Comet! Wen hast du denn da mitgebracht?“
Neugierige Blicke hefteten sich auf sie und der Mann – das musste wohl der Weihnachtsmann sein – stieg von seinem Schlitten. Er hockte sich vor sie hin und schaute sie freundlich an.
„Bist du etwa Prinzesschen, die kleine Katze, die von großen Abenteuern träumt?“
Prinzesschen war so verdutzt, dass sie kein Wort hervorbrachte. Der Mann erhob sich und lachte erneut herzhaft. Dann klatschte er in die Hände.
„Na, dann wollen wir mal. Auf geht‘s. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Prinzesschen staunte, wie schnell sich die Rentiere vor dem Schlitten sortiert hatten, Rudolph selbstverständlich vorn an der Spitze. Das berühmte Rentier war leicht zu erkennen, denn seine Nase leuchtete in demselben Rot wie der Mantel des Weihnachtsmannes. Dieser spannte die Rentiere an und setzte sich auf den Kutschbock. Mit seiner rechten Hand klopfte er neben sich.
„Willst du hier Wurzeln schlagen, Prinzesschen? Spring auf den Schlitten. Du darfst neben mir sitzen.“
Mit einem Satz sprang sie hinauf und nahm auf dem weichen Lammfell Platz. Sie schaute sich um und sah, dass der Schlitten voller Säcke war. Das waren vermutlich die Geschenke für die Kinder.
„Los, meine Rentiere. Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Lasst uns den Kindern das Weihnachtsfest versüßen.“

 

Text: Susanne Sommerfeld

Foto: Uta Wentzke

Katzenweihnacht – Eine weihnachtliche Kurzgeschichte (Teil 1/3)

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Prinzesschen saß auf der Fensterbank und schaute sehnsüchtig auf die Schneeflocken, die vom Himmel herunter schwebten und den Garten in strahlendes Weiß hüllten. So sehr sie die warme Stube zu schätzen wusste, sehnte sie sich doch immer wieder nach einem Abenteuer. Dort draußen gab es sicher Unmengen davon. Oft beobachtete sie, wie sich der rot getigerte Nachbarskater durch den Gartenzaun durchzwängte. Im Frühling lauerte er im Gebüsch und im Winter hockte er unter dem Vogelhäuschen. Aber bis jetzt hatte Prinzesschen noch nie erlebt, dass der dicke Kater auch nur einen Vogel gefangen hatte. Wie gern hätte sie ihn auf seinen Streifzügen begleitet.

Vor vielen Jahren war sie als kleines schwarzes Knäuel in die Familie Mayer gekommen. Ein Kätzchen, was sich kaum auf den krummen Beinchen halten konnte. Keiner hatte sie beachtet, bis die Tochter der Mayers, Franzi, eines Tages vor ihrem Zwinger stand und mit dem Finger auf sie zeigte.
„Die will ich haben. Die oder keine.“

Und so war sie bei den Mayers eingezogen und arrangierte sich mit ihrem Namen, den Franzi ihr gegeben hatte. Eine Prinzessin hatte sie nie sein wollen. Denn wie eine solche war sie eingesperrt und durfte das Haus nie verlassen. Franzi war schon längst ausgezogen und eine beklemmende Ruhe war in den ehemals quirligen Haushalt eingezogen. Herr Mayer zog sich meist in die Werkstatt im Keller des Hauses zurück, wo er seiner Leidenschaft nachging. Er hatte dort eine komplette Kleinstadt aufgebaut, um die emsig die elektrischen Eisenbahnen sausten. Einen kurzen Blick hatte sie einmal darauf geworfen, dann hatte Herr Mayer sie aus dem Zimmer gescheucht und die Tür geschlossen. Frau Mayer stand am liebsten in der Küche, um neue Rezepte auszuprobieren. Dann zogen verführerische Düfte durch das Haus und Herr Mayer war angehalten, alles zu verkosten und seine Meinung abzugeben. Prinzesschen wartete stets brav unter dem Esstisch, denn dort wanderte der eine oder andere Leckerbissen zu ihr. Natürlich musste dies heimlich geschehen, denn Frau Mayer sah es gar nicht gern, wenn Herr Mayer ihr etwas zusteckte.
„Prinzesschen soll schließlich nicht zu dick oder gar krank werden.“
Herr Mayer nickte und im nächsten Moment, wenn seine Frau ihm den Rücken kehrte, bekam Prinzesschen ihren Anteil.

Sie wollte sich gerade auf ihren Schlafplatz neben dem Sofa zurückziehen, da bemerkte Prinzesschen eine Bewegung im Garten. Was war das gewesen? Als sie schon dachte, sich das eingebildet zu haben, bewegte sich wieder etwas. Das konnte doch nicht sein, oder? Ein Rentier in einem deutschen Garten? Prinzesschen schloss die Augen und öffnete sie wieder. Tatsächlich, es ließ sich nicht leugnen, es war ein Rentier. Und jetzt hatte es ihr auch noch zugezwinkert. Prinzesschen schüttelte unwillig den Kopf. Nun hatte sie endgültig den Verstand verloren.

Erneut schloss sie die Augen und blinzelte nach einigen Sekunden in den Garten, in der Hoffnung, dass diese Halluzination – und nichts anderes konnte es gewesen sein – verschwunden wäre. Doch das Rentier war noch immer da. Es war sogar etwas näher gekommen. Prinzesschen stand auf, machte einen Buckel und fauchte. Das Rentier schien das nicht zu beeindrucken. Es kam so nah heran, dass es seine Nase an die Fensterscheibe drückte.
„Bist du Prinzesschen?“, fragte es.
Sie wäre beinahe vom Fensterbrett gefallen. Wieso redete das Rentier mit ihr und warum kannte es ihren Namen? Dann fiel es ihr ein. Sie träumte, natürlich. In einem Traum war alles möglich. Manchmal träumte sie davon, ein Löwe zu sein, der einsam durch die Savanne stolzierte. Sie hatte so eine Szene in einer Fernsehsendung gesehen, die die Mayers eines Abends geschaut hatten. Prinzesschen schüttelte und streckte sich. Sie biss sich sanft in die linke Vorderpfote. Autsch! Jetzt war sie munter.
Es klopfte an die Fensterscheibe.
„Ich rede mit dir. Du bist doch Prinzesschen, oder?“
Erschrocken fauchte Prinzesschen erneut. Es war kein Traum. Dies hier war real. Im Garten der Mayers stand ein Rentier, glotzte durch die Scheibe und redete mit ihr. Und es schien verärgert zu sein, weil sie nicht antwortete. Vorsichtig nickte Prinzesschen.
„Na, super. Dann bin ich ja richtig gelandet hier. Komm mal in den Garten. Durch die Scheibe kann man ja gar nicht gescheit miteinander reden.“
„Ich bin eine Stubenkatze und darf nicht raus.“
Das Rentier rollte mit den Augen.
„Und du willst eine Katze sein? Katzen wissen doch, wie man Türen öffnet.“
„Ich nicht. Das machen die Menschen für mich. Oder eben auch nicht.“
Sie ärgerte sich über das Rentier. Warum hätte sie je lernen sollen, Türen zu öffnen? So ein hochnäsiges Ding!
„Du musst dich einfach an die Türklinke hängen. Dann geht die Tür auf. Ich warte davor auf dich.“
Das Rentier trat vom Fenster zurück und lief in Richtung Eingangstür. Prinzesschen saß wie versteinert auf der Fensterbank. Was hatte das alles zu bedeuten? Sollte sie es wagen, das Haus zu verlassen? Noch nie war sie draußen gewesen, sondern hatte das Leben außerhalb der Mauern immer nur durch das Fenster verfolgt. Sie sprang von der Fensterbank und näherte sich der Hauseingangstür. Mit einem Mal kam diese ihr riesig und bedrohlich vor. Vielleicht aber war genau das das Abenteuer, nach dem sie sich sehnte. Mit einem eleganten Sprung hing sie sich an die Türklinke. Ein leises Klicken war zu hören und die Tür öffnete sich. Vorsichtig schob Prinzesschen den Kopf nach draußen.
„Bist du bereit?“, fragte das Rentier.
Sie nickte.

 

Text: Susanne Sommerfeld

Foto: Uta Wentzke

Darf ich vorstellen: Auggie

Liebe Leserinnen und Leser,

 

heute möchte ich euch ein zauberhaftes Kätzchen vorstellen: Auggie.

 

Auggie ist bereits 14 Jahre alt und wohnt derzeit in Los Angeles, bei Shangching, einer Brieffreundin von mir. Er ist aber schon mehrfach umgezogen in seinem Leben und das quer durchs Land. Von San Diego nach Virginia und dann zurück nach LA. Da er gern Auto fährt, war dies kein Problem, solange er zum Autofenster hinausschauen durfte. Brav saß er während der Fahrt in seiner Transportbox und durfte während der Pausen im Auto herumlaufen. Am wohlsten fühlt er sich aber natürlich in seinem Zuhause auf dem Sofa.

 

 

 

Shangching und ich schreiben uns schon seit vielen Jahren, ganz konventionell auf Briefpapier und meist mit Füllfederhalter. E-Mails schicken wir uns nur im Notfall, wenn es mal ganz schnell gehen soll. So ist über Jahre eine schöne Brieffreundschaft entstanden, die ich nicht missen möchte. Quer über den Ozean fliegen unsere Briefe und auch das ein oder andere Päckchen und es ist schön zu wissen, dass in fast 10.000 km Entfernung jemand an einen denkt. Und vielleicht werden wir uns in Zukunft auch mal persönlich kennenlernen.

 

Text: Susanne Sommerfeld

Fotos: Shangching

Nellys Stippvisite

Hatte ich da gerade die Türklingel gehört? Verschlafen schielte ich zum Wecker. Halb fünf morgens, also musste ich geträumt haben. Kaum hatte ich mich entspannt noch einmal umgedreht, da klingelte es erneut. Empört stieg ich aus dem Bett. Wer traute sich denn, an einem Samstag um diese Zeit zu klingeln? Mit einem mulmigen Gefühl näherte ich mich der Tür. Es war doch hoffentlich nichts passiert? Wer war das nur, die Polizei etwa? Auf nackten Sohlen schlich ich im dunklen Flur Richtung Tür und schaute durch den Spion. Bei dem Anblick, der sich mir bot, stockte mir glatt der Atem. Mein Nachbar stand im Schlafanzug vor der Tür, mit meiner Katze Nelly auf dem Arm. Wie konnte das sein? Ich riss die Tür auf und in diesem Moment sprang Nelly ganz galant von Nachbars Arm, eilte in meine Wohnung und nahm ihren Lieblingsplatz auf dem Sofa ein.

Mein Nachbar erzählte mir nun, wie Nelly ihn des Nachts überrascht hatte. Sie war über unser Dachfenster zu einem nächtlichen Spaziergang aufgebrochen. Scheinbar hatte sie entschieden, dem Nachbarn noch einen Besuch abzustatten und war über sein Dachfenster direkt im Ehebett gelandet. Beide waren zu Tode erschrocken, als auf einmal eine Katze wie aus heiterem Himmel auf sie fiel. Da mein Nachbar Nelly kannte, machte er sich umgehend auf den Weg zu mir. Seine Frau jedoch mied mich in der folgenden Zeit. Scheinbar war sie nachtragender als ihr Mann.

Mir war diese Sache sehr peinlich, aber mein Nachbar nahm das Ganze locker und meinte nur schmunzelnd: „Kann passieren“. Unserer guten Nachbarschaft hat diese Geschichte zum Glück keinen Abbruch getan. Mit einem kleinen Entschuldigungsgeschenk als Wiedergutmachung konnte ich mich noch einmal bei den netten Nachbarn für ihre Nachsicht bedanken.

Nelly schien jedoch ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben, denn sie benahm sich danach vorbildlich, schnurrte und blickte mich stolz an. Und wie hätte ich dem Blick dieser niedlichen Katze auch widerstehen können? Schnell hatte ich ihr diese Stippvisite beim Nachbarn verziehen.

Nelly

 

 

 

Text und Foto: Uta Wentzke

Wie man sich eine hohe Wasserrechnung einfangen kann

Ich möchte hier eine lustige Anekdote weitergeben, die meine Freundin Elke erlebt hat.

Elke war Single und hatte sich zu dem Zeitpunkt des Geschehens gerade eine neue Mitbewohnerin zugelegt, die dreifarbige Glückskatze „Dolly“. Nun wollte ich natürlich von ihr wissen, warum sie ihrer Katze ausgerechnet diesen Namen gegeben hatte. Elke hatte auch prompt eine Antwort parat. Da sie mit Nachnamen Bauer hieß, fand sie es witzig, ihre Mieze „Dolly B.“ zu rufen. Weitere Erklärungen sind da sicher nicht nötig. Meine Elke war halt immer für ein Späßchen gut.

Eines Abends rief mich Elke an und beschwerte sich über ihre hohe Betriebskostenabrechnung. Besonders der völlig überhöhte Wasserverbrauch wunderte sie sehr. Sie hatte einen Vollzeitjob und kam oft auch erst spät nach Hause. Wie sollte sie da so viel Wasser verbraucht haben? Nicht einmal ihre älteren Nachbarn, die fast den ganzen Tag daheim waren, hatten so einen Verbrauch.

Meine Freundin schnappte sich daraufhin die Abrechnung und wurde bei ihrer Hausverwaltung vorstellig mit der Bitte, diese Abrechnung doch noch einmal zu überprüfen. Doch die Abrechnung war fehlerfrei, auch die Zählerstände stimmten. Elke fand sich murrend mit der Tatsache ab und hoffte, dass die nächste Abrechnung sie nicht mehr so viel kosten würde. Ich verstand ihren Ärger nur allzu gut, konnte ihr aber auch nicht helfen.

Etliche Wochen vergingen, bis ich wieder einmal bei meiner Freundin Elke zu Besuch war. Natürlich wollte ich auch sehen, wie sich „Dolly“ mittlerweile in ihrem neuen Zuhause eingelebt hatte. Wir verbrachten einen gemütlichen Abend, kicherten bei einem Gläschen Rotwein über alte Klassenfotos, während „Dolly“ faul auf dem Kratzbaum lag und nur ab und zu den Kopf hob, wenn wir zu laut lachten.

Vor dem Heimweg suchte ich die Toilette auf. Als ich schlussendlich den Taster der Spülung betätigen wollte, fiel mir auf, dass genau auf diesem ein Blumentopf stand. Ich wunderte mich schon etwas über den merkwürdigen Standort des Blumentopfes und stellte ihn geradewegs auf die Fensterbank. Dann teilte ich Elke mit, dass ich mal eben den Blumentopf vom Taster der Spülung auf die Fensterbank zurückgestellt habe. Sie schaute mich zuerst verdutzt an und fing dann wie verrückt an zu lachen. Nur wusste ich gar nicht, was mit ihr los war und zuckte verzweifelt mit den Schultern. Als sich Elke von ihrem Lachanfall beruhigt hatte, erzählte sie mir eine schräge Geschichte.

Als sie vor einigen Wochen mit einer dicken Erkältung krank daheim lag, machte sie eine Entdeckung. Sie hatte ein warmes Bad genommen, sich ins Bett gelegt und in eine Decke eingewickelt, wo sie sogleich einschlief. Plötzlich wachte sie von einem Geräusch auf. Waren da etwa Einbrecher in ihrer Wohnung? Sie hörte, wie die Toilettenspülung mehrfach betätigt wurde und machte sich trotz ihrer großen Angst auf den Weg Richtung Bad. Als sie vorsichtig den Kopf zur Badtür hineinsteckte, traute sie ihren Augen kaum.

Da saß doch ihre „Dolly“ gemütlich auf dem Spülkasten und drückte mit der Pfote immer wieder den Taster der Spülung. Sie fand das Geräusch wohl einfach unwiderstehlich. Und Elke fiel es wie Schuppen von den Augen: „Dolly“ hatte die hohe Wasserrechnung verursacht!

Seit diesem Moment stand immer ein Blumentopf auf dem Taster.

Übrigens: Die nächste Betriebskostenabrechnung fiel wieder normal aus.

In lieber Erinnerung an Elke B., die viel zu früh an einer schweren Krankheit verstarb, und an „Dolly“, die nach Elkes Tod ein gutes neues Zuhause fand. Leider konnte ich „Dolly“ nicht bei mir aufnehmen, da meine Katzen sie nicht akzeptiert hätten.

Text und Fotos von Uta Wentzke