Ida und Jacob (Teil 3)

Leseratte Liesel_1

Es hat ein wenig gedauert, aber hier folgt nun Teil 3 der Geschichte um Ida und Jacob. Hier könnt ihr die ersten beiden Teile finden: Teil 1 und Teil 2.

Ida saß auf der Bank vorm Haus und besserte die abgetragene Kleidung ihrer jüngeren Geschwister aus. Die Sonne schien und der Duft nach frisch gemähtem Gras wehte durch das Dorf. Idas Gedanken waren wiederholt bei Jacob. In letzter Zeit passierte es oft, dass die Mutter ihr eine Kopfnuss verpasste, weil sie durch ihre Träumereien die Suppe anbrennen ließ oder die Hausarbeiten vernachlässigte. Das trübte ihre gute Laune jedoch nicht. Immer wieder ertappte sie sich dabei, dass sie eine Melodie vor sich hin summte.
»Soll ich dir helfen?«
Marie, Idas jüngere Schwester, setzte sich neben sie und schnappte sich eine Socke aus dem Korb. Wortlos reichte Ida ihr Nadel und Faden. Die Stirn in Falten gelegt und die Zunge zwischen die Zähne geschoben, versuchte die Kleine, das Garn ins Nadelöhr einzufädeln. Ida lächelte. Aller Anfang war schwer, aber bald würde sie eine fähige Helferin haben und konnte die Arbeit aufteilen. Schweigend verbrachten die beiden Schwestern die nächste Stunde mit den Ausbesserungsarbeiten, bis der Korb geleert war.
»Puh, endlich geschafft«, sagte Marie und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel. Die Mutter war heute zum Markt gegangen und es war Idas Aufgabe, für das Mittagessen zu sorgen. Viel würde es nicht zu essen geben. Die Ernte war nach einer wochenlangen Dürre mager ausgefallen.

»Sag mal, warum kommt uns Jacob nicht mal besuchen?«, fragte Marie, die in der Küche auf dem Boden saß und mit dem jüngsten Bruder Franz spielte. Seit Marie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, sprach sie ununterbrochen über ihren neuen Freund Jacob und erzählte jedem, dass Ida ihn vor dem Feuer gerettet hatte. Ida war dankbar, dass sich Marie von ihrer Lungenerkrankung erholt hatte, aber immer wenn ihre Schwester den Namen des jungen Mannes erwähnte, kribbelte es in ihrem Magen und das Herz hüpfte vor Aufregung. Ida hatte Jacob das letzte Mal vor einigen Wochen gesehen, als sie Marie gemeinsam mit ihrer Mutter aus dem Krankenhaus abholte. Vor ihrer Mutter hätte sich Ida nie getraut, mit ihm zu sprechen. So blieb es beim Blickkontakt. Jacobs Blick bohrte sich in ihr Gedächtnis und sie träumte nachts von ihm, wie er ihre Hand hielt und mit ihr durch den Park spazierte. Wie töricht! Als ob es jemals dazu kommen würde. Ihre Mutter hatte ihr strikt verboten, sich mit einem Jungen zu treffen. Also würde Jacob sie auch nicht besuchen dürfen. Wahrscheinlich hatte er sie auch schon längst vergessen. Er sah gut aus und hatte sicher jede Menge Mädchen um sich, die ihn anhimmelten. Was sollte er an ihr finden? Sie war nicht sonderlich gescheit, hatte kaum eine Schule von innen gesehen und taugte mehr schlecht als recht für die Haushaltsführung.

***

Ida ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Seit sein Bein soweit geheilt war, dass er wieder in der Lage war zu laufen, war er mehrere Stunden am Tag in der Gegend unterwegs, immer in der Hoffnung, ihr zu begegnen. Doch er traf sie nie. Ihre Mutter hatte er auf dem Markt gesehen, aber er wagte nicht, sie anzusprechen. Da war eine innere Stimme, die ihm sagte, dass es keine gute Idee wäre und er Ida damit in Schwierigkeiten bringen würde. So hoffte er weiter, sie allein zu treffen.
Heute wartete er wieder auf dem Markt auf sie. Er lungerte seit Stunden zwischen den Ständen herum. Einige der Händler hatten ihn bereits aus Angst vor Diebstahl mit derben Flüchen vertrieben. Wer konnte es ihnen verdenken. Die Menschen hungerten nach der katastrophalen Missernte.

Jacob entdeckte Idas Mutter am Eierstand, wo sie mit dem Verkäufer um einen niedrigeren Preis feilschte. Er näherte sich dem Stand. Idas Mutter flehte den Händler mittlerweile an, ihr einen besseren Preis für ein Dutzend Eier zu anzubieten, doch dieser gab nicht nach.
»Zwei Franken für die Eier, das ist doch nicht zu viel verlangt«, klagte der Händler und wendete sich an den Verkäufer vom Nachbarstand, der Gemüse verkaufte.
»Was meinst du? Bin ich etwa ein Halsabschneider?«
Der Gemüsehändler schüttelte den Kopf.
»Angebot und Nachfrage, werte Dame. So ist das heutzutage«, sagte er.
Idas Mutter liefen die Tränen über die Wangen. Sie wischte sie mit dem Ärmel ihrer Bluse weg.
»Dann nehme ich wenigstens sechs Eier«, gab sie nach. »Aber vielleicht können Sie mir sagen, wie ich meinen Kindern erklären soll, dass es schon wieder so wenig zu essen gibt.«
Der Eierhändler packte die Ware ein und reichte sie Idas Mutter.
»Wir sollten gottesfürchtiger sein, damit die Ernte nächstes Jahr besser ausfällt«, sagte er.
Idas Mutter schnappte nach Luft. Doch bevor sie etwas entgegnen konnte, was ihr hinterher leidtat, fasste Jacob ihren Arm und zog sie vom Stand weg.
»Kommen Sie, das bringt doch nichts«, sagte er.
»Was soll das, Junge? Hey, ich war noch nicht fertig mit dem Kerl.«
Doch Jacob ließ sich nicht beirren und zog sie weiter. Idas Mutter befreite sich mit einem Ruck aus seinem Griff und blieb stehen. Misstrauisch beäugte sie ihn.
»Sag mal, ich kenne dich doch. Bist du nicht der Junge aus dem Krankenhaus? Jacob?«
Jacob nickte und Idas Mutter lachte.
»Du glaubst ja gar nicht, wie viel Marie über dich erzählt hat. Sie hat einen richtigen Narren an dir gefressen.«
»Wie geht es ihr denn?«
»Komm doch mit. Dann kannst du meine Einkäufe tragen und sie selbst fragen.«
Idas Mutter reichte ihm den Korb und hakte sich bei ihm unter. Jacobs Herz schlug immer schneller. Würde er heute Ida sehen?

***

Ida scheuchte Marie durch die Küche. Die kleine Schwester hatte ihr geholfen, Kartoffeln zu schälen und Gemüse zu schneiden und es dabei geschafft, die Küchenabfälle überall auf dem Boden zu verteilen.
»Du bist doch kein Kleinkind mehr. Wie kannst du nur so eine Unordnung hinterlassen?«, schimpfte Ida und warf einen Lappen nach Marie.

Marie kicherte nur und rannte mit Franz im Schlepptau nach draußen. Ida fluchte. Unordnung verbreiten, das war etwas, dass ihre Geschwister wunderbar beherrschten und ihr blieb oft die Rolle, ihnen alles hinterherzuräumen. Sie hockte sich auf den Boden und sammelte die Kartoffelschalen ein.

»Schau mal, wen ich mitgebracht habe«, rief ihre Mutter.
Ida wäre am liebsten im Erdboden versunken, als sie den Besuch sah. Jacob! Hier und jetzt, während sie mit Schweißperlen auf der Stirn und halb aufgelöstem Zopf auf dem Boden hockte. Sie hatte sich das Wiedersehen anders vorgestellt, romantischer, aufregender, aber auf keinen Fall so. Sie wischte sich die Hände an der Küchenschürze ab und reichte Jacob die Hand.
»Hat es dir die Sprache verschlagen, Ida?«, fragte ihre Mutter und begann mit dem Ausräumen des Korbes.
Ida und Jacob standen sich noch immer gegenüber und schauten sich an. Peinliches Schweigen breitete sich im Raum aus, bis es Ida kaum noch aushielt.
»Wie geht es denn deinem Bein?«, fragte sie.
Jacob räusperte sich.
»Danke, es ist gut verheilt. Es werden Narben zurückbleiben, aber das macht nichts. Ich habe dir mein Leben zu verdanken, Ida.«
Ida spürte die Hitze in ihrem Gesicht aufsteigen.
»So, ihr Zwei, raus aus der Küche. Setzt euch doch draußen auf die Bank. Ich rufe euch dann zum Mittag. Du bleibst doch zum Essen, Jacob?«

***

Jacob saß neben Ida auf der Bank. Sein Herz schlug bis zum Hals und ihm fiel nicht ein gescheiter Satz ein. Aus den Augenwinkeln betrachtete er ihre gebräunten zarten Knöchel, die unter dem Kleid hervorlugten. Sie trug keine Schuhe und ihre Zehen gruben sich in den Boden. Nervös knetete sie ihre Finger. Jacob lächelte. Wenigstens schien es ihr genauso zu ergehen wie ihm.
»Wie geht es eigentlich deiner kleinen Schwester?«, fragte er, um die Stille zu durchbrechen.
»Marie ist wieder gesund. Gesund genug, um mich zu ärgern.«
Jacob lachte. Er hatte sich immer Geschwister gewünscht, aber er war ein Einzelkind geblieben. Was hätte er für eine freche kleine Schwester gegeben.

***

»Jacob, Jacob!«, rief Marie schon von weitem und stürmte auf ihn zu. Ihren Bruder zog sie hinter sich her.
»Wenn man vom Teufel spricht«, sagte Ida. »Langsam, Marie, nicht so stürmisch.«
Doch Marie hing Jacob schon am Hals und drückte ihn fest. Franz stand daneben und machte große Augen.
»Endlich kommst du uns mal besuchen, Jacob. Ich habe dich schon so vermisst. Wie geht es deinem Bein? Kannst du wieder arbeiten gehen?«
Ida rollte mit den Augen. Marie konnte einem wirklich Löcher in den Bauch fragen. Armer Jacob! Sie schaute ihn an und Jacob erwiderte ihr Lächeln mit einem Augenzwinkern. In ihrem Magen breitete sich ein kribbelndes Gefühl aus. So etwas hatte sie noch bei keinem anderen Jungen gespürt.

»Mittagessen!«, rief die Mutter von drin.
Wie junge Hunde stürmten Marie und Franz ins Haus. Ida wollte gerade von der Bank aufstehen, da nahm Jacob ihre Hand. Warm war seine Hand und Ida fühlte die Schwielen von der harten Arbeit in der Fischfabrik. Jacob zog Ida näher an sich heran und gab ihr einen Kuss. Ihr erster! In Idas Bauch flatterten die Schmetterlinge. Sie genoss das Gefühl von Jacobs Lippen auf ihren. Wenn sie diesen Moment doch nur konservieren könnte.

Fortsetzung folgt …

 

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

Ida und Jacob (Teil 2 der Kurzgeschichte)

Leseratte Liesel_1

 

Hier folgt der zweite Teil der Geschichte um Ida und Jacob. Den ersten Teil findet ihr hier: Markttag (Ida und Jacob – Teil 1).

 

Ida und Jacob – Zweiter Teil

 

Jacob wusste nicht, welche Schmerzen ihn mehr quälten. Sein Kopf dröhnte, als hätte er ihn gegen eine Wand geschlagen und sein linkes Bein sendete im Wechsel pochende und stechende Signale aus. Dazu kam diese Hitze, die ihn von innen zu verbrennen drohte. Etwas Nasses und angenehm Kühles berührte sein Gesicht. Er öffnete die Augen, aber das eindringende Licht schmerzte, so dass er sie schnell wieder schloss.

„Ida?“, krächzte er.

Er verspürte einen quälenden Durst. Mühsam versuchte er, sich aufzusetzen.

„Bitte bleiben Sie liegen. Sie sind sehr krank und brauchen Ruhe.“

Die Frau, die sich als Schwester Martha vorstellte, drückte ihn sanft zurück auf sein Kissen.

„Wo ist Ida?“

„Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen.“

Jacob seufzte. Was war passiert und wie lange lag er schon hier? Und warum musste er immer an ein Mädchen namens Ida denken?

„Ich komme später wieder. Bitte versuchen Sie zu schlafen. Schlaf ist die beste Medizin“, sagte Martha und erhob sich.

„Was ist passiert?“, fragte er und öffnete erneut vorsichtig die Augen.

„Das müssen Sie mit dem Doktor besprechen. Er kommt am Nachmittag zu Ihnen.“

Bevor Jacob etwas erwidern konnte, war sie bereits davongeeilt. Er hob den Kopf, um sich im Schlafsaal umzuschauen. Nur wenige Betten waren im Moment belegt. Eine Reihe weiter saß ein kleines Mädchen auf der Bettkante und ließ gelangweilt die Beine baumeln. Als sie Jacobs Blick bemerkte, lächelte sie zaghaft. Sie sprang vom Bett und kam näher.

„Sind Sie sehr krank?“, fragte sie und zeigte auf sein dick verbundenes Bein.

„Ja, ich denke schon. Aber ich hoffe, dass ich bald wieder gesund bin. Was machst du hier?“

„Meine Lunge ist krank. Das kommt wohl von der feuchten kalten Luft in unserem Haus, sagt der Doktor.“

Kaum hatte das Mädchen den Satz ausgesprochen, wurde sie von einem heftigen Hustenanfall überwältigt. Jacob rief nach Schwester Martha, aber niemand kam. Er beugte sich vor und zog die Kleine auf sein Bett. Behutsam nahm er sie in den Arm, um sie zu beruhigen. Nach etlichen Minuten entspannte sich das Mädchen und atmete ruhiger.

„Danke“, flüsterte sie. „Wie heißt du?“

„Ich bin Jacob und wer bist du?“

„Marie. Ich bin schon fünf.“

Jacob lächelte und strich der Kleinen über den Kopf. Etwas an dem Blick des Mädchens erinnerte ihn an Ida. Warum spukte dieser Name permanent in seinem Gedächtnis herum? Er war sich sicher, dass das nicht am Fieber lag. Die Erinnerungen an die letzten Tage – oder gar Wochen? – waren wie ausgelöscht, aber er wusste, dass alles mit einem Mädchen namens Ida zusammenhing. Er musste sie finden.

***

Idas Mutter zeterte und schimpfte, während sie mit dem Holzlöffel den Eintopf umrührte. Diese Litanei kannte Ida bereits auswendig. Sie mühte sich weiterhin damit ab, wärmende Socken für ihre jüngeren Geschwister zu stricken. Handarbeit war ihr noch nie leicht gefallen, aber nach dem letzten Gang zum Markt war ihre diese Arbeit aufgebürdet worden. Ida war froh, dass sie keine Prügel bezogen hatte, weil sie nichts verkauft hatte. Sie erzählte ihrer Mutter, sie sei ausgeraubt worden, aber die hatte ihr kein Wort geglaubt. Ida war nie gut darin gewesen, andere zu belügen. Darum saß sie jetzt auf dem harten Schemel und quälte sich Masche um Masche.

Nach einer Weile schweiften ihre Gedanken ab. Jacob verfolgte sie sogar in ihre Träume. Wieder und wieder durchlebte sie nachts das Feuer und manchmal spürte sie nach dem Aufwachen den Geschmack von Rauch im Mund. Dann sah sie Jacobs blaue Augen vor sich und die Angst versiegte. Was war mit ihm geschehen? Sein Bein hatte furchtbar ausgesehen und sie wusste nur zu genau, dass eine solche Verletzung leicht den Tod bringen konnte. Seit Wochen schon suchte Ida nach einem Vorwand, um das Haus zu verlassen und ihn zu suchen, aber ihre Mutter wachte über sie wie ein Schatten.

„Hörst du mir überhaupt zu?“

Ida schreckte aus ihren Tagträumen auf. Die Mutter versetzte ihr einen leichten Klaps auf den Hinterkopf.

„Ich habe dich gebeten, heute Marie zu besuchen und ihr eine Schüssel Essen mitzubringen. Sie isst doch so gern Suppe.“

Ida horchte auf. Ihre Mutter ließ sie endlich aus dem Haus. Das war die Gelegenheit. Marie lag seit Wochen mit einem grauenhaften Husten im Krankenhaus und bis jetzt hatte keine Behandlung angeschlagen. Vielleicht traf sie Jacobs Mutter am Fluss oder jemand im Krankenhaus hatte etwas von ihm gehört. Ihr Herz pochte bis zum Hals und sie legte das Strickzeug beiseite. Sie durfte sich nichts von ihrer Aufregung anmerken lassen, ehe es sich die Mutter noch anders überlegte. Zum Glück hatte sie ihr die Geschichte von Jacob nicht erzählt. Dann hätte sie wohl das Haus erst wieder verlassen dürfen, wenn sie erwachsen und verheiratet wäre.

Am liebsten wäre Ida den ganzen Weg bis zum Krankenhaus gerannt, doch dann hätte Marie keinen Tropfen Suppe mehr im Topf vorgefunden. Der Frühling war eingekehrt und die Feuerstelle am Fluss war verwaist. Suchend blickte sich Ida um, von Jacobs Mutter war jedoch nichts zu sehen. Eilig lief sie weiter in Richtung Krankenhaus. Ida stand eine Weile vor dem grauen Gebäudekoloss, der eine Renovierung gut gebrauchen hätte können. Der Putz blätterte bereits von der Fassade. Etliche Scheiben waren zerstört. Doch niemand machte sich die Mühe, daran etwas zu ändern. Hier wurden die armen Menschen behandelt und kein Arzt von hervorragendem Ruf würde freiwillig eine Stelle an diesem Ort antreten. Idas sehnlichster Wunsch war es, Krankenschwester zu werden, aber sie durfte nicht einmal regelmäßig zur Schule gehen. Wenn ihre Mutter Hilfe brauchte, musste sie daheim bleiben.

Ein wenig widerwillig betrat sie das Gebäude. Sofort umhüllte sie der Geruch nach Krankheit und Tod, ein süßlicher Duft, der Erinnerungen an den Tod ihres Großvaters hervorrief. Doch ans Sterben wollte sie jetzt nicht denken. Ihre kleine Schwester würde wieder gesund werden. Schließlich hatte sie ihr ganzes Leben noch vor sich.

„Wo finde ich denn meine Schwester Marie?“, fragte sie eine Krankenschwester, die damit beschäftigt war, einem Patienten den Kopfverband zu wechseln. Ida versuchte, nicht auf die klaffende Wunde zu schauen, die sich an den Rändern bereits schwarz verfärbt hatte. Wundbrand nannte man das. Das war es auch, was ihren Großvater das Leben gekostet hatte. Die Schwester wies mit dem Kopf nach rechts. Ida betrat den Schlafsaal. Hinten am Fenster sah sie ihre Schwester auf dem Bett sitzen und neben sich einen jungen Mann, dem sie gerade eifrig etwas erzählte. Ida lächelte. Marie schien es besser zu gehen.

***

Die Kleine war bezaubernd. Sie erzählte ihm von ihrer Familie und davon, dass sie und ihre Geschwister mit der Mutter allein lebten.

„Seit Vater nicht mehr da ist, muss meine große Schwester immer auf den Markt gehen. Wir haben nämlich Hühner und Schweine, weißt du? Du würdest meine Schwester mögen. Ida …“

In diesem Moment bemerkte Jacob, dass jemand den Saal betreten hatte und direkt auf sie zukam. Marie drehte sich ebenfalls herum.

„Ida, Ida, endlich kommst du mich besuchen.“

Marie sprang auf und stürzte auf ihre Schwester zu. Diese konnte gerade noch rechtzeitig den Topf auf den Boden stellen, um Marie zu umarmen. Jacob war sprachlos. Das Mädchen war seine Ida.

***

Ida reichte ihrer Schwester die Suppe. Dabei vermied sie es, den jungen Mann anzusehen, der sich jetzt näherte. Sie hatte ihn sofort erkannt.

„Lass es dir schmecken, Marie. Es ist dein Lieblingseintopf. Aber iss langsam.“

Marie setzte sich wieder auf das Bett und löffelte gierig ihre Suppe. Ida sah, dass die Kleine sie dabei neugierig beobachtete.

„Du bist doch Ida, die Ida, die mich aus der brennenden Fabrik gerettet hat?“, fragte Jacob.

Ida nickte. Er war nur noch eine Armlänge von ihr entfernt. Ihr Herz überschlug sich beinahe, als Jacob ihre Hand ergriff.

„Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll. Wenn du nicht gewesen wärst, dann …“

Seine Stimme versagte und Ida spürte, dass er die Tränen zu unterdrücken versuchte. Noch immer hielt er ihre Hand und sie wünschte, er würde sie nicht mehr loslassen.

„Wie geht es dir denn?“, fragte sie ihn.

„Es ging mir schon besser, aber ich glaube, ich bin nochmal davongekommen. Etwas Fieber noch, aber mein Bein wird hoffentlich wieder vollständig heilen.“

„Die Suppe war wirklich gut. Danke, Ida“, sagte Marie und reichte ihrer Schwester den Topf. Nun war Jacob gezwungen, Idas Hand loszulassen. Ida spürte, dass ihm dies genauso widerstrebte wie ihr.

„Werden wir uns wiedersehen, Ida?“

Jacobs Blick war so eindringlich, dass Ida das Gefühl hatte, er könne ihre Gedanken lesen. Marie kicherte leise.

„Wie lange wollt ihr euch noch so anstarren?“

„Ich komme so bald wie möglich wieder“, sagte Ida und drückte ihrer Schwester zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Dann drehte sie sich um und verließ den Saal, bevor Jacob ihr hochrotes Gesicht sehen konnte.

 

Fortsetzung folgt …

 

Text: Susanne Sommerfeld