abc.etüden – 12/13-2020 Nr. 2

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Liebe Leserinnen und Leser,

aus aktuellem Anlass folgt hier meine zweite Etüde für die Textwochen 12 und 13, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von Elke H. Speidel (Transworte auf Litera-Tour) gespendet.

 

Sehnsüchtig schaute sie auf den Forsythienstrauch im Hof, der in voller Blüte stand. Dieser Frühling war anders als die vorherigen. Wie gerne wäre sie hinausgegangen und hätte die Fülle der Natur betrachtet und dem unverdrossenen Gezwitscher der Vögel im Park gelauscht. Ausgangssperre hieß das Modewort derzeit. Anfangs hatte sie es noch lächerlich gefunden, aber jeder Tag brachte neue Meldungen über die Zahl der Toten. Nun sah sie ein, dass alle vernünftig sein mussten, um dem Grauen bald ein Ende zu bereiten.

Doch was für sie eine Entschleunigung des Lebens bedeutete, verwandelte andere zu Rastlosen. Seit Stunden versuchte im Haus jemand, die Wände mit Hilfe einer Bohrmaschine zu durchlöchern. Das Geräusch bohrte sich in ihren Kopf und ließ die Zähne schmerzen.

Sie war ein Mensch, der Harmonie und Ruhe schätzte, doch das war nun vorbei. In Gedanken sah sie den Nachbarn auf verschiedenste Arten aus dem Leben scheiden. Erst war es der Serienmörder, der sich natürlich mit einer Bohrmaschine bewaffnet hatte, später war es das Monster, vor welchem sie sich letztens in einem Horrorfilm gegruselt hatte. Hauptsache, dieses Geräusch würde endlich verschwinden.

Warum verfiel alle Welt in eine derartige Aktionswut? Konnten diese Störenfriede nicht einfach in einer Art Winterschlaf erfrieren, bis das alles ausgestanden war?

(204 Wörter)

Keine Angst, der Nachbar lebt noch … 🙂

 

Text: Susanne Sommerfeld

 

abc.etüden – 12/13-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt meine Etüde für die Textwochen 12 und 13, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von Elke H. Speidel (Transworte auf Litera-Tour) gespendet.

 

War es lächerlich, an den Frühling zu denken? Vielleicht, aber sie gab die Hoffnung nicht auf, dass sie ihn erleben würde. Sie hatte nicht vor, hier zu erfrieren. Ihre Finger waren so kalt, dass sie kaum in der Lage war, sie zu bewegen. Vorsichtig blies sie den Atem darüber, um ihnen wieder Leben einzuhauchen.

Das Mädchen neben ihr hatte seit Stunden keinen Laut mehr von sich gegeben. Das hätte sie erschüttern müssen, aber sie hatte in den letzten Wochen so viel Grausames erlebt, dass sie der Tod der Leidensgenossin nicht mehr berührte. Was hatte dieser Mann aus ihr gemacht? Ein gefühlloses Wesen mit einem Herzen so eisig wie diese Höhle. Doch es half nichts, um das arme Geschöpf zu weinen. Sie musste sich konzentrieren und ihre Gedanken zusammennehmen, damit sie ihm entkommen konnte. Letzte Nacht hatte sie von ihrem Zuhause geträumt, von ihrer Mutter, ihrem jüngeren Bruder und dem blühenden Forsythienstrauch vor ihrem Fenster.

Streng dich an, Isabelle! Du willst doch nicht deinen letzten Atemzug hier machen! Sie nahm ihren ganzen Willen zusammen und versuchte, aufzustehen. Ihre Knie zitterten und ihre Beine fühlten sich an, als wäre sie eine willenlose Marionette. Sie sank zurück auf den Boden und kroch langsam vorwärts, dahin, wo sie den Eingang der Höhle vermutete. Ein Wunder, dass der Mann sie nicht gefesselt hatte. Er musste sich sehr sicher sein, dass sie nicht fliehen würde.

Stunden schienen vergangen zu sein, als sie endlich am Höhleneingang angekommen war. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie das Gitter am Eingang sah. Und dahinter eine unendliche Schneewüste. Mit letzter Kraft schrie sie um Hilfe, dann um Erlösung. Am nächsten Morgen wurde das Gitter geöffnet. Der Mann stieß das Mädchen mit dem Fuß an und schüttelte den Kopf. Er würde erneut losziehen und jagen müssen.

(296 Wörter)

 

Text: Susanne Sommerfeld

 

abc.etüden – 10/11-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt meine Etüde für die Textwochen 10 und 11, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von Corly (Corlys Lesewelt) gespendet.

Brienne saß auf einem Felsen und beobachtete den Sonnenuntergang, wie schon Hunderte Male vorher. Doch sie konnte sich nie sattsehen an dem Farbenspiel. Die immer roter werdende Sonne verwandelte die Steinlandschaft der Burren in ein Gemälde.
Während andere dahin flogen, wo es warm war, zog sie es vor, in ihrer irischen Heimat zu bleiben. Sie brauchte weder Palmen noch bunte Cocktails. Wenn sie ein paar Tage am Stück nicht arbeiten musste, fuhr sie hinaus in die Natur, raus aus der überfüllten und lärmenden Stadt. Hier konnte sie ihren Gedanken nachhängen und fühlte sich frei.
Nachdem die Sonne im Meer versunken war, machte sie sich auf den Weg in den nächsten Pub. Ein Whiskey als Krönung des Tages schwebte ihr vor.
Sie öffnete die Tür zum Pub und da sah sie ihn. Seit einiger Zeit folgte er ihr. Ein attraktiver Mann war er, das musste sie zugeben. Aber er hatte etwas Unheimliches an sich, als würde er sein wahres Gesicht hinter einer freundlichen Maske verstecken. Sollte sie ihn direkt ansprechen oder so tun, als ob sie ihn nicht bemerkt hätte? Hier konnte ihr ja nichts passieren. Der Pub war gut gefüllt und ihr Auto stand gleich vor der Tür.
Zielstrebig ging sie auf seinen Tisch zu. In dem Moment erhob er sich. Er lächelte, doch das Lächeln erreichte nicht seine Augen. Der starre eiskalte Blick verpasste Brienne eine Gänsehaut. Im Vorbeigehen reichte er ihr einen Zettel und verließ den Pub.
Mit zitternden Fingern las sie die Notiz.
»Sieh dich vor. Ich erwische dich noch.«

(253 Wörter)

 

Text: Susanne Sommerfeld

 

abc.etüden – 08/09-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt meine Etüde für die Textwochen 8 und 9, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von René (BerlinAutor) gespendet.

 

Marianne schlug das Käseblatt ihrer Stadt auf und grinste breit. Diese Meldung versüßte ihr den Tag. Was hatte sich der Kerl nun wieder für einen Schabernack einfallen lassen? Sie wusste genau, wer hinter dem Streich stecken musste. Wer sonst hätte die Wand des Jobcenters beschmieren sollen?
Walter hatte es ja sogar angekündigt, als er vor ein paar Tagen mit ihr in der Kneipe saß und ihr ein Bier spendierte. Sie war schon lange nicht mehr ausgegangen. Dafür fehlte ihr einfach das Geld. Ein Leben lang hart gearbeitet und am Ende reichte es nicht mal für ein kleines Vergnügen. Walter empörte sich ebenso wie sie. Er hatte nur noch ein paar Jahre bis zur Rente, aber seinen Job als Maurer vor einigen Jahren verloren. Zu alt sei er, hieß es.
Und nun stand es schwarz auf weiß geschrieben: »Erhebt euch! Niemand ist zu alt zum Arbeiten!« Recht hatte er, der Walter. Sie hoffte für ihn, dass ihn niemand erwischen würde.

(159 Wörter)

 

Text: Susanne Sommerfeld

 

abc.etüden – 06/07-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt meine Etüde für die Textwochen 6 und 7, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von Alice (Make A Choice Alice) gespendet.

 

Manuela fühlte sich schlecht. So krank war sie noch nie gewesen, aber ein Mal war immer das erste Mal. Hoffentlich war das nur eine Grippe. In den Nachrichten hatte sie gestern gehört, dass eine mysteriöse Krankheit diese Woche bereits Hunderte Tote gefordert hatte. Nur gut, dass sie Freiberuflerin war. Sie würde sich nicht in eine Arztpraxis setzen und dort auf den Tod treffen. Ihre größte Sorge war, dass sie ihre beste Freundin Daniela seit Tagen nicht erreichte. Sie hatte es über Festnetz, Handy und per Mail versucht, aber Daniela reagierte nicht. Wenn sie nur nicht so schwach wäre. Dann würde sie sich ins Auto setzen und zu ihrer Freundin fahren. Doch bereits der Gedanke, aus dem Bett zu steigen, versetzte ihr Schüttelfrost und einen Schweißfilm auf der Stirn. Vielleicht ging es Daniela wie ihr. Sicher war in ein paar Tagen alles vorbei und sie würden darüber lachen.
Drei Tage später kroch Manuela ins Bad. Was war das nur für eine miese Grippe? Es musste doch langsam besser werden. Sie hatte ihre gesamte Hausapotheke geplündert, aber nichts half. Ob sie ihre Hausärztin anrufen sollte, damit diese ihr einen Besuch abstattete? Manuela zog sich am Waschbecken hoch und blickte in den Spiegel. Das Gesicht, welches ihr entgegenblickte, wirkte wie gebleicht. Ich sehe aus wie eine Leiche, dachte sie.
Sie wählte die Nummer ihrer Ärztin, aber niemand ging ans Telefon. Wahrscheinlich war das Wartezimmer so voll, dass die Schwestern keine Zeit mehr zum Telefonieren hatten.
Bevor sie sich wieder ins Bett legte, schaute sie aus dem Fenster. Obwohl das herrlichste Winterwetter war, war niemand draußen auf der Straße zu sehen. Kein Auto fuhr, nichts bewegte sich.
Was war hier nur los? Kraftlos ließ sie sich ins Bett zurückfallen und knuddelte ihren Teddy aus Kindheitstagen. Bitte lass mich nicht allein hier sterben, lieber Gott.

(300 Wörter)

 

Text: Susanne Sommerfeld

 

abc.etüden – 04/05-2020 – Nr. 2

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt nun meine 2. Etüde für die Textwochen 4 und 5, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von OnlyBatsCanHang gespendet.

Manchmal nennt mich mein Dosenöffner Papiertiger, wenn ich wieder einmal die Krallen ausfahre, aber der irrt sich mächtig. Ich mag niedlich aussehen, trotz alledem steckt etwas Großes in mir. Das weiß meine Schwester auch und lässt mir stets den Vortritt am Futternapf.
Die Tage plätschern mitunter vor sich hin, aber als Katze, Entschuldigung, ich meine als Tiger, kann man es sich gutgehen lassen und solche Momente einfach verschlafen.
Meine Schwester meinte einmal zu mir, unser Leben sei belanglos, da wir keine Aufgabe hätten. Da hat sie sich aber einen Pfotenhieb von mir eingefangen. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, den Dosenöffner immer auf Trab zu halten, damit wir rund um die Uhr mit bestem Futter, weichen Decken und Spielzeug bei Laune gehalten werden. So ein Katzenleben ist doch die Krönung.
Ich bemitleide meine Mitkatzen, die genötigt sind, sich ihre Nahrung selbst zu fangen. Ich muss nur einmal mauzen und schon wendet sich der Dosenöffner mir zu, fragt, ob ich etwas zu fressen möchte oder er mir den Wasserhahn aufdrehen soll. Wer sagt da noch, unser Leben wäre belanglos? Was würde der arme Dosenöffner denn ohne uns machen? Dann hätte sein Leben doch gar keinen Sinn.

(194 Wörter)

 

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Text: Susanne Sommerfeld

Fotos: Uta Wentzke

abc.etüden – 04/05-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt nun meine Etüde für die Textwochen 4 und 5, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von OnlyBatsCanHang gespendet.

 

Im Hintergrund plätscherte der Shannon und der Duft nach Regen lag in der Luft. Aileen stand am Grab ihrer Großmutter und legte einen Papiertiger auf das keltische Kreuz. Großmutter hatte Origami geliebt und der Tiger war ihr liebstes Motiv gewesen.
»Für dich, Maimeó«, flüsterte sie.
Jeden Tag kam sie zum Friedhof. Seit ihre Großmutter vor zwei Jahren gestorben war, hatte sie niemanden mehr, dem sie ihre Gedanken mitteilen konnte. Ihre Eltern arbeiteten viel und hart. In den wenigen Momenten, die sie mit ihr verbrachten, wollte sie sie nicht mit ihren Problemen belasten. Es gab Dinge, die sie nicht einmal ihrer besten Freundin Bridget erzählen würde.
»Maimeó, ich vermisse dich so. Warum hast du mich allein hier zurückgelassen?«
Der Kies knirschte, als sich hinter ihr jemand näherte.
»Grüß dich, Aileen.«
Aileen blieb wie versteinert stehen und wagte nicht, sich zu bewegen. Sie kannte die Stimme. Jede Nacht in ihren Träumen sprach ein Mann zu ihr, dessen Gesicht sie nie sah. Und dies war seine Stimme. Wie war das möglich? Sie kniff sich in den Unterarm. Dieses Mal träumte sie nicht.
»Aileen, sieh mich an.«
Sie wollte den Mann nicht ansehen, aber sie spürte einen Sog, dem sie sich nicht entziehen konnte. Langsam drehte sie sich um und blickte in das Gesicht des Mannes aus ihren Träumen.
Auf einmal war alles belanglos, alle Sorgen und Nöte wie weggewischt. Sie starrte in seine tiefblauen Augen und sah darin ihre geliebte Maimeó.
»Danke für den schönen Tiger, meine Liebe«, sagte ihre Großmutter und winkte ihr zu.
Nach ein paar Minuten war der Spuk vorbei und sie war wieder allein. Als sich Aileen zum Grab umdrehte, bemerkte sie, dass auch der Papiertiger verschwunden war. Und zum ersten Mal seit Monaten lächelte sie.

(287 Wörter)

 

Text: Susanne Sommerfeld