Prinzesschen und Anton

Ein herzzerreißendes Maunzen riss Prinzesschen aus ihren Träumen. Anton saß im Garten und bot einen kläglichen Anblick. Sein Fell war vollständig von einer Schmutzschicht undefinierbarer Herkunft überzogen und er zitterte. Prinzesschen sprang von der Fensterbank und sauste durch die Katzenklappe nach draußen.
»Was ist denn mit dir passiert?«
Sie rümpfte die Nase. Er verströmte einen Geruch, als wäre er aus einer Mülltonne gestiegen.
»Frag nicht«, brummte Anton. »Meine Familie…«
»Deine Familie hat dir das angetan?«
Prinzesschen sträubte entrüstet das Fell und warf ihren bitterbösesten Blick hinüber zum Nachbarhaus.
»Nun lass mich doch mal ausreden.«
Anton schüttelte sich und Prinzesschen machte einen Satz nach hinten, um nichts von dem Dreck abzubekommen.
»Hey, pass doch auf. Mein schönes Fell.«
Sein beleidigter Blick traf sie ins Herz.
»Entschuldigung«, murmelte sie.
»Meine Familie ist in den Urlaub gefahren.«
»Wie kann man denn zu Weihnachten wegfahren?«
»Sie haben keine Lust auf Weihnachtsbaum und Weihnachtsgans, sagen sie. Und auf die stressige Familienfeier auch nicht.«
»Kann ich nachvollziehen«, sagte Prinzesschen und erinnerte sich an das letzte Weihnachtsfest. Der verrückte Dalmatiner hatte beinahe das ganze Fest ruiniert. Der arme Baum musste gleich am ersten Tag dran glauben.
»Vor ein paar Tagen haben sie mich deswegen in der Tierpension abgeliefert.«
Tierpension, das Unwort schlechthin für alle Hunde und Katzen, die jedes Jahr dort für ein paar Wochen untergebracht wurden, damit ihre Dosenöffner sich an den Strand legen konnten. Und das alles nur, um danach mit hochroten Köpfen und verbrannten Rücken wieder heimzukehren.
»Zumindest dachte ich, es wäre eine Tierpension…«
»Was meinst du damit?«
Anton schüttelte sich erneut. Braune Schmutztropfen trafen Prinzesschen im Gesicht. Sie fauchte, aber ein Blick in seine traurigen Augen ließ sie verstummen.
»Es war keine Tierpension, es war das Tierheim. TIERHEIM, verstehst du?«
Prinzesschen sprang auf und machte einen Buckel. Im Tierheim zu landen, war das Schlimmste, was einer Katze widerfahren konnte. Das wusste sie von den Mayers. Die schauten jeden Sonntag eine Fernsehsendung, in der Tiere neue Dosenöffner suchten. Frau Mayer saß dann immer mit Tränen in den Augen vor der Flimmerkiste. »Die armen Tiere. Wie können die Menschen nur zulassen, dass sie ins Tierheim kommen?«

Frau Mayer hatte Anton mit einem nach Lavendel duftenden Shampoo gewaschen, was er ihr sichtlich verübelte. Eine Schüssel mit Thunfisch und eine Extrastreicheleinheit später war er wieder versöhnt und schnurrte wohlig vor sich hin. Prinzesschen fühlte eine Welle der Eifersucht aufsteigen, schämte sich aber sofort dafür. Was hatte ihr Freund alles erleben müssen in den letzten Tagen. Er hatte diese Pause wahrlich verdient.

»Hast du mit den Brinkmanns gesprochen«, fragte Herr Mayer.
Prinzesschen spitzte die Ohren. Auch Anton öffnete langsam seine Augen und vergaß vor Schreck, weiter zu schnurren.
»Du wirst es nicht glauben, die sind doch tatsächlich ausgezogen. Ich kann mir das überhaupt nicht erklären. Die müssen vollkommen überstürzt verschwunden sein. Das Haus ist komplett leergeräumt.«
Herr Mayer schüttelte den Kopf und betrachtete Anton mit einem zutiefst betrübten Blick.
»Wo eine Katze satt wird, bekommen wir auch den Kater satt«, sagte er seufzend und kraulte Antons dicken Bauch.

Anton saß vor dem Weihnachtsbaum und spielte mit einer glitzernden Kugel.
»Das würde ich lassen, wenn du hier wohnen bleiben willst. Frau Mayer ist in solchen Dingen sehr empfindlich.«
»Nun sei doch kein Spielverderber, Prinzesschen.«
Anton konnte die Kugel einfach nicht aus den Augen lassen. Sein roter Pelz, der nun wieder glänzte, spiegelte sich darin. Was für ein prachtvoller Kater er doch war. Seine Familie würde es bereuen, ihn zurückgelassen zu haben.
»Sind die beiden nicht zauberhaft?«, jubelte Frau Mayer.
Prinzesschen runzelte die Stirn. Die Eifersucht pikste sie mit ihrem unbarmherzigen Stachel, als Frau Mayer Antons Kopf streichelte. Der Kater zeigte sich von seiner besten Seite und schnurrte wie ein gut laufender Motor. Schon schämte sich Prinzesschen für ihre Gedanken. Warum sollte sie ihr wunderbares Heim nicht mit ihrem Freund teilen? Es war genügend Liebe und Futter für sie beide da.

Heiligabend war gekommen. Der Duft nach Gänsebraten und Bratäpfeln schwebte durchs Haus. Anton leckte sich das Maul.
»Oh Mann, riecht das gut bei euch.«
»Denk bloß nicht, dass wir etwas davon abbekommen. Für uns gibt es nach wie vor nur Katzenfutter. Die Menschen teilen ihr Futter nicht gern mit uns.«
Anton strich schnurrend um Frau Mayers Beine. Prinzesschen rollte mit den Augen. Ihr Freund war so verfressen, dass er vor nichts zurückschreckte. Aber halt, was war das? Frau Mayer zupfte ein Stück Gänsefleisch von der Keule und hielt es Anton vor die Nase. Der schnappte sich das Fleisch und zwinkerte Prinzesschen zu. War das zu fassen? Jahrelang hatte sie versucht, an derartige Leckereien zu kommen und war gescheitert. Von Anton konnte sie noch etwas lernen.

Es klingelte an der Tür. Vor Schreck sprang Anton unter den Weihnachtsbaum. Die Kugeln klirrten, der Baum schwankte bedrohlich, Frau Mayer quiekte und Herr Mayer sprang herbei, um den Baum zu retten.
»Dabei ist der Hund noch nicht mal drin«, brummte er.

»Ich verstehe gar nicht, was er hat«, sagte Franzi.
Prinzesschen beobachtete von ihrem sicheren Fensterplatz aus, wie der Dalmatiner vergeblich versuchte, Anton unter dem Baum hervorzulocken. Dieser fauchte und buckelte, doch der Hund ließ sich davon nicht beeindrucken. Er schien das Ganze für ein Spiel zu halten.
»Das mir ja der Baum nicht wieder umgeworfen wird«, jammerte Frau Mayer und raufte sich ihre frisch gelegte Dauerwelle.
»Ach, Mama, Bodo will doch nur spielen.«

Prinzesschen setzte sich neben den Hund und legte die Ohren an. So ein Theater mit diesem Wirbelwind. Er war gewachsen, hatte aber scheinbar nichts dazugelernt.
»Hey, du Rüpel, so machst du dir keinen Katzenfreund.«
Verdutzt setzte Bodo sich auf sein Hinterteil und starrte Prinzesschen an.
»Hast du denn noch immer nicht gelernt zu sprechen?«
»Wuff.«
Prinzesschen seufzte. Es war sinnlos, diesem Tier etwas beibringen zu wollen. Selbst Franzi war daran gescheitert, wie sie feststellen musste. Hunde waren nicht halb so clever wie Katzen.
»Wuff.«
Prinzesschen versetzte ihm einen kurzen, aber kräftigen Hieb auf die Nase und fauchte. Winselnd legte er sich auf den Boden.
»So, und jetzt lässt du Anton in Ruhe. Hast du mich verstanden?«
Bodo machte einen Satz zur Seite und geriet mit der Rute in die Lichterkette. Erschrocken rannte er los und riss den Weihnachtsbaum mit sich.
»Bei euch ist wirklich immer was los«, sagte Anton und kicherte.
»Jingle Bells, Jingle Bells…«, tönte es durchs Haus, während die Mayers verzweifelt hinter Bodo her jagten.
Prinzesschen sprang aufs Sofa und rollte sich in ihrem Bettchen zusammen. Binnen weniger Sekunden war sie eingeschlafen. Sie träumte von einer riesigen Gänsekeule.

Uta und ich wünschen euch ein schönes Weihnachtsfest und kommt gesund ins neue Jahr.

Text: Susanne Sommerfeld

23 Gedanken zu „Prinzesschen und Anton

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.