abc.etüden – 12/13-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt meine Etüde für die Textwochen 12 und 13, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von Elke H. Speidel (Transworte auf Litera-Tour) gespendet.

 

War es lächerlich, an den Frühling zu denken? Vielleicht, aber sie gab die Hoffnung nicht auf, dass sie ihn erleben würde. Sie hatte nicht vor, hier zu erfrieren. Ihre Finger waren so kalt, dass sie kaum in der Lage war, sie zu bewegen. Vorsichtig blies sie den Atem darüber, um ihnen wieder Leben einzuhauchen.

Das Mädchen neben ihr hatte seit Stunden keinen Laut mehr von sich gegeben. Das hätte sie erschüttern müssen, aber sie hatte in den letzten Wochen so viel Grausames erlebt, dass sie der Tod der Leidensgenossin nicht mehr berührte. Was hatte dieser Mann aus ihr gemacht? Ein gefühlloses Wesen mit einem Herzen so eisig wie diese Höhle. Doch es half nichts, um das arme Geschöpf zu weinen. Sie musste sich konzentrieren und ihre Gedanken zusammennehmen, damit sie ihm entkommen konnte. Letzte Nacht hatte sie von ihrem Zuhause geträumt, von ihrer Mutter, ihrem jüngeren Bruder und dem blühenden Forsythienstrauch vor ihrem Fenster.

Streng dich an, Isabelle! Du willst doch nicht deinen letzten Atemzug hier machen! Sie nahm ihren ganzen Willen zusammen und versuchte, aufzustehen. Ihre Knie zitterten und ihre Beine fühlten sich an, als wäre sie eine willenlose Marionette. Sie sank zurück auf den Boden und kroch langsam vorwärts, dahin, wo sie den Eingang der Höhle vermutete. Ein Wunder, dass der Mann sie nicht gefesselt hatte. Er musste sich sehr sicher sein, dass sie nicht fliehen würde.

Stunden schienen vergangen zu sein, als sie endlich am Höhleneingang angekommen war. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie das Gitter am Eingang sah. Und dahinter eine unendliche Schneewüste. Mit letzter Kraft schrie sie um Hilfe, dann um Erlösung. Am nächsten Morgen wurde das Gitter geöffnet. Der Mann stieß das Mädchen mit dem Fuß an und schüttelte den Kopf. Er würde erneut losziehen und jagen müssen.

(296 Wörter)

 

Text: Susanne Sommerfeld

 

9 Gedanken zu „abc.etüden – 12/13-2020

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 14.20 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

  2. Ist das ein Ausschnitt aus einem größeren Text? Auf jeden Fall wirkt er sehr bedrohlich und macht ein richtig schlechtes Gefühl beim Lesen. Da das sicherlich beabsichtigt ist: Glückwunsch! 😁
    Liebe Grüße
    Christiane 😁☕👍

    Gefällt 1 Person

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