abc.etüden – 04/05-2020

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier folgt nun meine Etüde für die Textwochen 4 und 5, ins Leben gerufen von Christiane (Blog „Irgendwas ist immer“). Die 3 Wörter wurden von OnlyBatsCanHang gespendet.

 

Im Hintergrund plätscherte der Shannon und der Duft nach Regen lag in der Luft. Aileen stand am Grab ihrer Großmutter und legte einen Papiertiger auf das keltische Kreuz. Großmutter hatte Origami geliebt und der Tiger war ihr liebstes Motiv gewesen.
»Für dich, Maimeó«, flüsterte sie.
Jeden Tag kam sie zum Friedhof. Seit ihre Großmutter vor zwei Jahren gestorben war, hatte sie niemanden mehr, dem sie ihre Gedanken mitteilen konnte. Ihre Eltern arbeiteten viel und hart. In den wenigen Momenten, die sie mit ihr verbrachten, wollte sie sie nicht mit ihren Problemen belasten. Es gab Dinge, die sie nicht einmal ihrer besten Freundin Bridget erzählen würde.
»Maimeó, ich vermisse dich so. Warum hast du mich allein hier zurückgelassen?«
Der Kies knirschte, als sich hinter ihr jemand näherte.
»Grüß dich, Aileen.«
Aileen blieb wie versteinert stehen und wagte nicht, sich zu bewegen. Sie kannte die Stimme. Jede Nacht in ihren Träumen sprach ein Mann zu ihr, dessen Gesicht sie nie sah. Und dies war seine Stimme. Wie war das möglich? Sie kniff sich in den Unterarm. Dieses Mal träumte sie nicht.
»Aileen, sieh mich an.«
Sie wollte den Mann nicht ansehen, aber sie spürte einen Sog, dem sie sich nicht entziehen konnte. Langsam drehte sie sich um und blickte in das Gesicht des Mannes aus ihren Träumen.
Auf einmal war alles belanglos, alle Sorgen und Nöte wie weggewischt. Sie starrte in seine tiefblauen Augen und sah darin ihre geliebte Maimeó.
»Danke für den schönen Tiger, meine Liebe«, sagte ihre Großmutter und winkte ihr zu.
Nach ein paar Minuten war der Spuk vorbei und sie war wieder allein. Als sich Aileen zum Grab umdrehte, bemerkte sie, dass auch der Papiertiger verschwunden war. Und zum ersten Mal seit Monaten lächelte sie.

(287 Wörter)

 

Text: Susanne Sommerfeld

9 Gedanken zu „abc.etüden – 04/05-2020

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.20 | Wortspende von Make a choice Alice | Irgendwas ist immer

  2. In besonderen, intensiven Momenten etwas Ausserordentliches zu sehen oder zu hören, ist mir schon begegnet, und die Schlichtheit des von dir Geschilderten passt für mich frappierend gut zu meinen persönlichen Erfahrungen, darum gefällt mir diese Etüde sehr gut.

    Gefällt 3 Personen

  3. Ich hätte den Mann gerne „engelhafter“/mehr „nicht von dieser Welt“ gesehen, gerade in so einer kurzen Sequenz. So denke ich an alles (inklusive einer zukünftigen Lovestory), aber nicht an einen Hüter.
    Aber davon ab ergreift mich deine Geschichte sofort und komplett. Sehr schön, sehr gern gelesen.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🐱🍷🌟👍👍

    Gefällt 2 Personen

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