Markttag (Kurzgeschichte)

Leseratte Liesel_1

Leseratte Liesel von Steiff*

Markttag

Ida konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so kalten Winter erlebt zu haben. Sie war dankbar für den Wollschal, auch wenn dieser unangenehm am Hals kratzte. Er schützte sie vor dem eisigen Wind. Da sie keine Handschuhe besaß, vergrub sie die Hände in den Taschen ihres Mantels, den bereits ihre Mutter als Kind getragen hatte. Ida hegte den Verdacht, dass er sogar schon ihrer Großmutter gehört hatte, so fadenscheinig wie der Stoff an einigen Stellen war. Doch sie jammerte nicht darüber. Sie hatte es nicht einmal gewagt, sich zu beschweren, als sie an einem eisigen Januartag ohne Strümpfe den Weg zum Markt zurücklegen musste. Seit der Vater gestorben war, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden. Das war auch der Grund, warum Ida nicht mehr die Schule besuchte. Ihre Mutter war den ganzen Tag daheim bei den kleinen Geschwistern und Ida war dafür zuständig, Geld hereinzubringen.

Heute war Markttag in der großen Stadt und viele Menschen strömten dorthin. Die meisten kamen aus den umliegenden Dörfern, um den Städtern ihre Waren anzubieten. Ida freute sich über das emsige Treiben und die Möglichkeit, der engen Hütte ihrer Familie wenigstens für einige Stunden zu entkommen. Die Menschen waren ganz anders als in ihrem Dorf. Das Leben schien bequemer zu sein. Aber wenn man genau hinschaute, gab es hier genauso viel Armut. Die Armen wurden einfach an den Rand der Stadt gedrängt, wo sie das Bild des geputzten Marktplatzes nicht störten.

Ida trat an ein Feuer, um das sich bereits einige Obdachlose geschart hatten. Vorsichtig streckte sie ihre Hände nach der Wärme aus und seufzte.

„Na, Mädchen, was treibt dich in die Stadt? Das ist doch kein Platz für ein anständiges Kind.“

Die alte Frau betrachtete Ida neugierig. Ihre Finger waren verkrüppelt und das Gesicht von zahlreichen Falten durchzogen. Ihre Kleidung war abgetragen, aber sauber.

„Ich bin aus dem Nachbardorf und bringe Eier und Fleisch auf den Markt.“

Die Alte leckte sich über die Lippen. Ida ahnte, welchen Hunger sie haben musste. Wenn ihre Mutter erfuhr, dass sie das Wenige, was sie zu verkaufen hatten, an fremde Menschen verschenkte, würde sie ihr eine Tracht Prügel erteilen. Ida griff in ihre Tasche und gab der alten Frau zwei Eier. Sie konnte nicht anders.

„Aber nicht doch, Kindchen. Das kann ich nicht annehmen“, sagte die Alte. Gleichzeitig steckte sie die Eier in ihre Schürzentasche.

„Feuer! Feuer!“

Ida fuhr herum und starrte verwirrt auf das Bild, das sich ihr bot. Aus dem Dachstuhl der Fischfabrik unten am Ufer des Flusses schlugen Flammen und schwarzer Qualm drang aus den Fenstern. Schreiende Menschen flüchteten aus dem Gebäude. Ein Mann, dessen Kleidung Feuer gefangen hatte, wälzte sich im Schnee. Einige Menschen hatten sich mit Eimern bewaffnet, die sie immer wieder unten am Fluss auffüllten.

„Oh, du meine Güte!“, wimmerte die alte Frau. „Mein Enkel! Mein Jacob!“

„Aber was ist denn?“, fragte Ida.

„Der arbeitet dort unten“, mischte sich einer der Obdachlosen ein.

Ida reichte der alten Frau ihre Tasche und eilte hinunter zum Fabrikgebäude. Mehrmals rutschte sie auf dem vereisten Boden aus, rappelte sich wieder auf und rannte weiter. Das Gebäude brannte bereits zur Hälfte. Die Helfer hatten mittlerweile eine Kette bis zum Flussufer hinunter gebildet und reichten eifrig Wassereimer für Wassereimer weiter.

„Hat einer von euch Jacob gesehen?“

Ida rannte von einem Mann zum nächsten, aber diese beachteten sie entweder gar nicht oder schüttelten nur kurz den Kopf.

„Jacob! Jacob! Wo bist du?“

Ida hastete auf den Gebäudeeingang zu.

„Bist du verrückt, Mädchen? Du wirst doch nicht etwa dort hineinlaufen wollen?“

Ida blieb stehen und drehte sich um. Einer der Fabrikarbeiter stand hinter ihr und blickte sie verständnislos an. Sein Gesicht war schwarz verfärbt vom Rauch, an den Händen hatte er einige Brandblasen.

„Dort kommt keiner mehr raus.“

„Aber ich suche Jacob. Haben Sie ihn gesehen?“

Als der Mann ihr nicht antwortete, drehte sich Ida zurück und rannte in den Hausflur hinein. Sie hörte noch, wie der Mann ihr etwas hinterherrief, dann war sie schon von beißendem Qualm umgeben. Hustend zog sie ihren Schal vor das Gesicht.

„Jacob! Jacob!“, schrie sie immer wieder, auch wenn der Qualm ihr die Luft nahm. Lange würde sie es hier drin nicht aushalten. Sie wusste, dass dieser Rauch giftig war und sie das Leben kosten konnte. Doch sie wollte es wenigstens versucht haben. Noch nie hatte sie etwas Derartiges gemacht. Sie war kein mutiger Mensch. Sie hätte nicht sagen können, warum sie wegen eines ihr unbekannten Mannes solch ein Risiko auf sich nahm. Es war wie ein innerer Drang, der sie vorwärts zwang. Plötzlich hörte sie ein Stöhnen, das in ein bellendes Husten überging. In einer Ecke wälzte sich ein Mann auf dem Boden. Sie sah, dass sein linkes Bein stark blutete.

„Jacob?“

Der junge Mann öffnete die Augen und blickte sie an. Ida konnte kaum glauben, wie blau diese Augen waren. Ihr wurde schwindlig.

„Ich helfe dir. Komm hoch, ich stütze dich“, sagte sie.

„Ich kann nicht … Schmerzen … zu groß …“

„Jacob, hör zu. Wir müssen hier schnell raus. Das Feuer breitet sich immer weiter aus.“

„Wer bist du?“

Doch Ida antwortete ihm nicht. Stattdessen zog sie ihn mühsam hoch und stützte ihn, während er auf einem Bein neben ihr her hüpfte. Hinter sich hörte sie bereits Dachbalken einstürzen. Das Feuer zischte und fauchte wie ein wütender Drache.

Als sie es endlich geschafft hatten, das Gebäude zu verlassen, ließ Ida Jacob zu Boden gleiten. Erschöpft setzte sie sich neben ihn. Sofort scharten sich die Schaulustigen um sie.

„Lasst mich durch. Ich kann helfen.“

Eine Hand legte sich auf Idas Schulter. Ein älterer Mann beugte sich zu ihr und stellte eine Arzttasche in den Schnee.

„Geht es dir gut?“

Ida nickte kraftlos und wies auf Jacob.

„Er braucht Hilfe. Sein Bein ist verletzt.“

Ida stand auf und lief zum Flussufer. Sie schaute hinüber zu der großen Stadt, die sich hinter dunstigem Nebel zu verstecken versuchte. Der Wind pfiff unerbittlich und sie zog den nach Rauch stinkenden Schal enger um ihren Hals. Der Markttag war vorbei. Ida hatte keine Möglichkeit, die Eier und das Fleisch noch zu einem anständigen Preis zu verkaufen. Da konnte sie es auch gleich an die Obdachlosen verschenken. Was aber würde ihre Mutter heute Abend sagen, wenn sie bemerkte, dass Ida keinen einzigen Franken heimgebracht hatte?

Der Arzt hatte Jacobs Bein geschient und verbunden. Jacob lag auf einem Schlitten unter wärmenden Decken. Dennoch schlotterte er am ganzen Körper.

„Keine Angst, junge Dame. Das ist der Schock. Er wird wieder gesund. Das hat er allein Ihnen zu verdanken“, sagte der Arzt und reichte ihr die Hand zum Abschied.

„Wo bringen Sie ihn denn hin?“, fragte Ida.

„Ins Lazarett am Rande der Stadt. Sein Bein braucht jetzt Ruhe, damit es wieder heilt. Dann wird er hoffentlich wieder genauso laufen können wie vorher.“

„Danke“, flüsterte Jacob und streckte den Arm in Idas Richtung.

Ida nahm seine Hand in ihre. Erneut war sie fasziniert von der Farbe seiner Augen.

„Wie heißt du?“

„Ida, ich heiße Ida.“

Der Schlitten setzte sich in Gang und Ida war gezwungen, Jacobs Hand loslassen.

„Wir sehen uns wieder, Ida.“

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

* Diese putzige Leseratte von Steiff namens Liesel ist ein Sonderexemplar zum 100. Geburtstag von Thalia und begleitet mich ab sofort durch den Blog, wenn es um Beiträge zu Büchern oder um meine bescheidenen Schreibversuche geht.

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27 Gedanken zu „Markttag (Kurzgeschichte)

  1. Ein sehr gelungener Einstieg in ein Geschehen. Könnte eine Liebesgeschichte draus werden, oder? Ich frage mich auch, was die alte Frau mit Idas Tasche gemacht hat, oder besser, mit dem Inhalt.
    Bin gespannt, ob du weiterschreibst.
    Liebe Grüße
    Christiane, die die Leseratte toll findet

    Gefällt 2 Personen

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