Der perfekte Weihnachtsbaum

Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest. Zum Einstimmen hier eine kurze Geschichte.

Die ersten Schneeflocken des Winters fielen vom wolkenverhangenen Himmel und legten sich leise auf alle Oberflächen. Bald schon waren Bäume, Sträucher und Wiesen weiß bedeckt und die Kinder des Dorfes konnten es kaum erwarten, einen Schneemann zu bauen. Doch Geduld war gefragt, noch reichte der Schnee nicht dafür. Die kleine Sarah stapfte mit ihren neuen roten Winterstiefeln über die Wiese hinter dem Haus und schaute missmutig in den Himmel. Wenn es doch nur schneller schneien würde, dachte sie. Als ob die grauen Wolken ein Einsehen mit ihr hätten, fielen immer mehr und immer größere Schneeflocken herab und bald sah Sarah selbst aus wie ein Schneemann. Lachend drehte sie sich ein paar Mal um sich selbst und rannte dann los, immer weiter bis zum nahegelegenen Waldrand. Bald konnte sie die Stimmen der anderen spielenden Kinder nur noch gedämpft hören. Ihre Eltern hatten ihr verboten, zu weit in den Wald hineinzulaufen, aber sie wollte sich nur ein wenig umschauen. Schließlich war Adventszeit und vielleicht würde sie einen geeigneten Weihnachtsbaum entdecken, den sie dann ihrem Vater zeigen könnte. Jedes Jahr holte ihre Familie einen kleinen Baum aus dem Wald, stellte ihn mitten in das gemütliche Wohnzimmer und schmückte ihn gemeinsam. Dieses Ritual liebte Sarah sehr und so hielt sie Ausschau nach einem schönen Baum. Es gab so viel zu entdecken im Wald und sie liebte die Stille dort.

Plötzlich raschelte es im Unterholz. Sarah zuckte zusammen und ihr wurde schlagartig bewusst, wie weit sie schon in den Wald vorgedrungen war. Sie drehte sich um und konnte den Waldrand und die Wiese nicht mehr sehen. Obwohl sie sich vorher noch nie im Wald gefürchtet hatte, bekam sie jetzt doch ein wenig Angst und wollte gerade den Rückweg antreten, als zwischen den Bäumen etwas aufblitzte. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, aber die kindliche Neugier konnte sie nicht unterdrücken. Langsam näherte sie sich der Stelle, von der inzwischen ein helles Leuchten ausging. Nach einigen Metern trat sie auf eine Lichtung und schaute mit großen Augen auf das Schauspiel, welches sich ihr bot. Mitten auf der Lichtung stand die schönste Tanne, die sie je gesehen hatte, und ein goldenes Licht umgab den prachtvollen Baum. Die auf die Zweige fallenden Schneeflocken glitzerten ebenfalls goldfarben und wirkten wie weihnachtlich funkelnder Baumschmuck. Sie lief auf den Baum zu und wusste, sie hatte den perfekten Familienweihnachtsbaum für das diesjährige Fest gefunden. Vor ihrem geistigen Auge sah sie bereits, wie wunderbar er das Wohnzimmer schmücken würde. Ihr Vater würde stolz auf sie sein und sicher auch vergessen, sie zu tadeln, weil sie allein in den Wald gelaufen war.

Nun wollte sie schnell nach Hause laufen und später mit ihrem Vater zurückkommen, um den Baum zu fällen. Im Gehen drehte sie sich noch einmal zu der Lichtung um und stolperte dabei über eine am Boden liegende Wurzel. Zum Glück lag noch Laub am Boden und die Schneeschicht dämpfte ihren Sturz zusätzlich. Vor sich hin schimpfend rappelte sie sich wieder auf und klopfte sich den Schnee von der Hose und ihrem Mantel. Da drang ein leises Klingeln an ihr Ohr. Erneut wendete sie sich der Lichtung zu und traute ihren Augen kaum. Neben der Tanne stand ein großer Schlitten, vor dem neun graubraune Rentiere eingespannt waren. Jedes Rentier hatte ein rotes Band mit einem silbernen Glöckchen um den Hals. Auf dem Schlitten saß ein älterer beleibter Mann mit einem langen weißen Bart, bekleidet mit einem weiten roten Mantel. Auf seinem Kopf saß eine ebenfalls rote Mütze, welche mit weißem Pelz besetzt war. Er schaute zu Sarah hinüber und winkte ihr. Selbst von hier aus konnte sie sein freundliches Gesicht erkennen. Sarah rieb sich die Augen und war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob sie wach war oder träumte. Eilig kniff sie sich fest in den linken Arm. Au! Mehrfach zwinkerte sie mit den Augen, aber der Schlitten, der alte Mann, die Rentiere und der leuchtende Weihnachtsbaum waren immer noch da. Sarah stand wie angewurzelt und traute sich kaum zu atmen. Sie glaubte schon seit einiger Zeit nicht mehr an den Weihnachtsmann und ahnte, dass ihre Eltern hinter den Geschenken für sie steckten. Dessen war sie sich jetzt jedoch nicht mehr so sicher. Auf einmal ertönte ein lauter Pfiff und die Rentiere setzten den Schlitten in Gang. Der Weihnachtsmann winkte ihr noch einmal zu und Sarah winkte schüchtern zurück. Der Schlitten drehte noch eine Ehrenrunde auf der Lichtung und erhob sich dann in die Luft. Nur wenige Minuten später war Sarahs persönliches Weihnachtsmärchen vorbei, der Baum stand einsam auf der Lichtung, das Strahlen war erloschen und Stille senkte sich erneut über den Wald.

Sarah löste sich langsam aus ihrer Starre und trat den Heimweg an. Sie hatte entschieden, niemandem etwas von ihrem Erlebnis zu erzählen und auch den Baum zu verschonen. Ihn zu fällen und dann kurz nach Weihnachten zu entsorgen, wäre eine Schande. Nächstes Jahr in der Adventszeit würde sie ihn wieder besuchen und hoffte auf ein Wiedersehen mit dem Weihnachtsmann und den Rentieren.

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Text und Foto: Susanne Sommerfeld

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